Ach! die Gerechtigkeit steht in verhaßten Orden,
Und ist jetzt leider! fast zur Exulantin worden.
Die Boßheit und der Geitz, der Laster schnaubend Heer
Treib sie aus ihrem Reich; und klagt sie noch so sehr,
So sind die Ohren taub. Mit ihren frommen Minen,
Muß sie der tollen Welt zum Hohn=Gelächter dienen.
Wie jämmerlich siehts doch um ihr geheiligt Haus,
Um ihren Richterstuhl und Schwerd und Wage aus.

Den Brief, den der Prophet am Himmel sahe fliegen,
Nach welchem Diebstahl, Mord, und Meineid und Betrügen
Vor from gesprochen ward, der ist anjetzt das Geld,
Wodurch man Frömmigkeit und alles Recht erhält.
Geld hat schon hier und da die Oberhand genommen;
Nur durch der Berge Mark kan man zum Rechte kommen;
Durchbrich das Mauerwerk und stiehl wie Nickel List.
Wenn du nur Reich an Raub und alten Thalern bist,
So fürchte dich nur nicht vor Bande, Strick und Ketten,
Geld kan vom Staupenschlag, ja gar vom Galgen retten.
Und bist du wieder loß, so stiehl behertzt aufs neu,
Gedencke, daß dieß Gut vor böse Richter sey.
Allein hast du kein Geld die Richter zu verblenden,
Und deinem Advocat ein Wildpret zuzusenden:
So halte Ruth und Strick nur Hals und Rücken hin,
Und wär dein Diebstahl auch vom schlechtesten Gewinn;
Hast du gleich Joabs Schwerd auf Abners Brust gezücket
Und deinen Gegenpart in Plutons Reich geschicket,
So geh und stelle nur verlangte Caution,
Gieb denen Richtern Geld, so kömst du bald davon.
Hast du die Eh befleckt, den Glaubiger betrogen;
Dem Nachbar Wieß und Feld durch Falschheit abgelogen;
Des Nächsten Unschulds=Kleid und guten Ruf verletzt,
Und der Beträngten Pfand, das man bey dir versetzt,
Mit List an dich gebracht: So darffst du nicht verzagen,
Man mag dich noch so sehr in dem Gericht verklagen.
Bemühe dich nur bald um einen Advocat,
Der ein Gewissen so wie Priester-Ermel hat,
Den Hader, Eigennutz und Zank so hoch vergnüget,
Als einen Kriegesmann der was zu plündern krieget,
Und dessen Herz voll Trotz, das Haupt voll arger List,
Die Seele voll Betrug, und frecher Boßheit ist,
Der sieben Zeilen nur auf eine Seite schreibet,
Und seine Schriften stets auf zwanzig Bogen treibet.
Der so viel Kosten macht als der Proceß begehrt,
Und ihn so boßhaft dreht, daß er viel Jahre wehrt.
Dem füll die krumme Hand mit Ophirs güldnen Schätzen,
So wird er bald das Recht der Gegen=Part verletzen;
Nimm selbst den Advocat von deinem Gegner ein;
Schenk ihm ein Stück zum Kleid, ein stark und fettes Schwein,
Ein Faß voll Rebensaft, und andre schöne Sachen,
So wirst du ihn schon mild, und dir gewogen machen.
Geh auch zum Richter hin, und fülle ihm die Hand
Mit wilden Männern an, mit Gold aus Ungerland.
Und weigert er sich ja; so gieb es seinem Weibe,
Bring ihr ein Stück Damast und Sammtes Zeug zum Leibe,
Band, Spitzen, Leinewand, und Peltz zum Unterkleid,
Füll Stall und Küche aus; so kriegst du immer Zeit.
Der Advocat hälts auf, der Richter wirds verziehen,
Dein Gegner mag sich gleich auch noch so sehr bemühen
Den letzten Spruch zu sehn. Ja wenn er sich beschwehrt,
Des Zahlens müde wird, und endlich Recht begehrt,
Da heists: Ihr habt kein Recht: Wer Geld giebt der gewinnet.
Des Frommen Angesicht, das voller Thränen rinnet,
Wird jetzt nicht mehr geacht; der Witwen Klag=Geschrey,
Der Waysen heisses Flehn steht man durchs Recht nicht bey.

Verfluchte Gottesfurcht! verdammtes Christen=Leben!
Heist dieß dem Recht sein Recht nach GOttes Vorschrift geben?
O! sollen dieses wohl der Armen Väter seyn?
O! möchte nicht das Recht zu GOtt um Rache schreyn?
Bey Heyden wird man kaum dergleichen That und Sünden,
So wenig Gottesfurcht, als unter Christen finden.

O groser Samuel! bleib ja in deiner Gruft,
Steh nicht von Todten auf; komm nicht in deutsche Luft.
Man würde sonst dein Amt und richterlich verwalten
Vor dumm, vor abgeschmackt, vor kahl und thörigt halten.
Du hast ja, wie bekannt zu Israel gesagt:
Kommt her! Wer wieder mich und meinen Richtstab klagt!
Kommt! sagt mir, ob ich euch in meinem Amt betrogen?
Ob ich Geschenk geliebt; das Gut an mich gezogen?
Wem ich das Recht gebeugt, der zeuge wider mich!
O! diese Reden sind anjetzt zu lächerlich:
Der Hochmuth wächst und steigt, der Geitz hat zugenommen.
Wie würde man denn sonst zu solchen Reichthum kommen?

O! gieng der Heyland jetzt von neuen auf die Welt,
Und spräch: Wer unter euch nichts von Geschenken hält,
Und davon freyer ist als dort die Pharisäer
Von Sünd und Ehebruch, der komm und trete näher,
Ihr andern weicht von mir! wie viele würden fliehn,
Und sich beschämt und stumm mit Furcht zurücke ziehn.

Solt Alexander jetzt wie ehemals geschehen,
In ganz verstellter Tracht auf manches Richthaus gehen, (b)
Er träffe warlich nicht dergleichen Männer an,
Die also handelten wie jener Mund gethan,
Die Richter würden nicht den Schatz zurücke weisen,
Da sie ihn heut zu Tag begierig zu sich reisen.
Solt jetzt Cambyses wohl dem Richter, der das Recht
Des Geldes wegen beugt, der Freundschaft wegen schwächt,
Die Haut vom Leibe ziehn und an den Richtstuhl nageln, (c)
Wie grausam würde man auf solche Strafe hageln?
Wie mancher Richter=Sitz, den man jetzt prächtig schaut,
Bekäm an statt des Schmucks wohl mehr als eine Haut.
Erforschte mancher Fürst (d) zugleich die Advocaten,
O! so bekäm gewiß der Hencker manchen Braten.
Es würde mancher Baum zum Galgen abgehackt
Und manches Glied vom Leib mit Eisen abgezwackt,
Hingegen aber auch (was wünscht man mehr auf Erden?)
Recht und Gerechtigkeit nicht leicht gequälet werden.
Wo sieht man, daß der Herr jetzt im Gerichte wohnt?
Daß man die Frevler straft, die Unschuld aber schohnt,
Und den Regenten=Stab mit Tugend unterstützet,
Mit rechtlich kluger Hand die Acten=Feder schnitzet?

* * *

Wie glücklich ist ein Mensch der stets das Ohr verstopft,
Wenn gleich die Tugend kömmt und thränend klagt und klopft.
Wie wohl, wie wohl ist dem, der stille sitzt und schweiget,
Wenn dort ein wüster Kopf die Ehren=Bahn besteiget.
Ein zugeschloßenes Ohr, ein zugehüllt Gesicht,
Und einen Mund der nichts als Ja zu allen spricht,
Ein Auge voller List erfordern unsre Zeiten,
Wer so nicht leben kan der wird nicht viel bedeuten.

Doch nein! mein Eifer brennt, er ist gerecht und gut.
Wer nur die Laster schilt, wer nur die tolle Brut
Bey ihren Nahmen nennt, und vor den Spiegel stellet,
Der kämpft wie ein Soldat der tolle Feinde fället,
Und kriegt ein gleiches Lob, von der noch guten Welt,
Die nach der Tugend greift, und noch auf Wohlstand hält.

Was vor ein heiser Schmertz hat meine Brust befallen!
Der Adern rothe Saft fängt kochend an zu wallen;
Mein Herz bebt wie ein Blat, mein Geist entsezt sich ganz,
Wenn ich die alte Zeit mit ihrem Werth und Glanz,
Und unsre Zeiten seh. Wo ist der Römer Zierde,
Ernst, Einsicht, Tugend, Recht und löbliche Begierde
Nach guten Sitten hin? wodurch bestand ihr Flor?
Sie zog nicht Geld und Stand der Kunst und Tugend vor.
Wer vor das Vaterland beherzt und klug gestritten;
Wer sich verdient gemacht, Vernunft und guten Sitten
Begierig nachgestrebt; wer und klug redlich war,
Den sezte man ins Amt und zu der Väter Schaar.
Jezt scheint der Tugend=Licht sich gleichsam zu verdunkeln:
Sie kan, O Finsterniß! nicht mehr wie ehmahls funkeln.
Carthago schimpft sich noch. Denn sie vergab ums Geld
Amt, Ehre, Stand und Dienst; was thut denn unsre Welt?