Du weißt, mein lieber Louis, der Löwe ist König unter den Tieren, und es war im Monat Mai, es grünten die Felder, die Wiesen und Wälder, und überall in Bäumen, Büschen und Hecken war Leben. Da gab Nobel, der König, ein Fest. Alle waren gekommen von weiter Ferne: Isegrimm, der Wolf, Braun, der Bär, auch die anderen alle, und die Vögel, groß und klein. Einer war nicht da: Reineke Fuchs.
Und Isegrimm trat vor den Thron des Königs und sprach also: Wir alle haben dein Wort, o König, gehört und sind gekommen; es fehlet allein Reineke Fuchs. Niemals tut er deinen Willen. Mich hat der Böse [übel behandelt], mein Weib hat er [verhöhnt], und meine Kinder hat er [geblendet] mit bitterem Wasser. Da sind die armen Kindlein vor dir, o König, und [fordern Recht].
Und Hündchen Wackerlos sprang vor den König und begann zu [klagen]; es sprach in feinen Worten; es sprach nur französisch. Und die Katze kam da auch mit neuen Klagen, und dann kam der Panther und sprach also:
Was Katze und Hund da sagen, [will wenig bedeuten]. Aber höret mich an; ich habe zu sprechen [wider] Reineke Fuchs. Da ich harmlos den Weg wanderte durch den Wald, hörte ich ein Weinen und [Wimmern] links im [Gebüsch]. Verwundert trete ich zur Seite und sehe: Reineke hält Lampe, den Hasen, an den Ohren und [zauset] ihn fürchterlich; und wäre ich nicht gekommen, — Lampe wäre nun tot. Solches aber ist doch nicht recht in diesen Tagen des Friedens.
Reineke's Neffe aber, der Dachs, trat vor den König, gedankenvoll und lächelnd; denn er war ein Advokat, sehr gelehrt und [schlau], und begann seine Rede also:
Mein König, es ist ein altes Sprichwort: »Ein Feind wird niemals Gutes von dir sagen.« Kein Wunder also, daß diese Herren Schlechtes reden wollen von Reineke, meinem teuern Onkel. Er selbst ist nicht hier; sonst würden sie wahrlich solches nicht [wagen]. Aber wer ist es, der hier auftritt zu klagen. Isegrimm, der Wolf? Hat der ein Recht dazu? Er, der so übel gehandelt an Reineke? — Ich bitte, o König, höret, was ich jetzt sage:
Einmal war Freundschaft zwischen dem Wolfe und dem Fuchse; alle [Beute] wollten sie teilen nach Recht. Da kam eines Tages der Wolf und war sehr hungrig, — und hungrig ist er ja immer — zu meinem [Oheim] und verlangte zu essen. Ah, sagte freundlich mein Oheim, hier habe ich nichts. Aber da weiß ich ein fettes Schwein; das hängt nicht weit von hier beim Bauern; wenn ihr warten wollt vor dem Hause, so will ich es durch's Fenster werfen, aber gebt mir auch die Hälfte. Gewiß, sagte der Wolf, und beide gingen. Mein Oheim tat, wie er gesprochen, und warf die fette Beute hinunter durch das Fenster; doch, da er selbst zu essen verlangte, lachte der Wolf — es war dieser Wolf, — und sagte [hämisch]: Hier, mein Freund, wünsche guten Appetit — und gab meinem Oheim das breite Stück Holz, woran das Schwein gehangen hatte. So teilt der Wolf. — Aber das ist noch nicht alles.
Ein anderes Mal hatte er wieder großes Verlangen nach Fischen. Da kam er zum Fuchse. Und gut, — wie Reineke ist, — sprach er: Auf jener Straße kommt heute Nachmittag ein Mann von dem Strome; der bringt Fische in dem Wagen. Da können wir essen, — und beide gingen zusammen.
Der Fuchs aber legte sich auf die Straße und lag ganz still, als wäre er tot. Der [Fuhrmann] kam und sah den toten Fuchs und freute sich nicht wenig. Er nahm ihn, warf ihn auf den Wagen und fuhr die Straße entlang. Mein Oheim aber, der Fuchs, warf die Fische vom Wagen herab auf die Straße. Es folgte der Wolf und [fraß]. Endlich sprang der Fuchs vom Wagen, ging zum Wolfe und wollte auch von den Fischen essen. Da sagte der Wolf: Nehmet, Reineke, nehmet; hier ist für euch, — und gab ihm von den Fischen — die [Gräten]. — So [handelt] der Wolf. — Soll ich noch mehr von ihm sagen? Nichts Gutes, o König, würdest du hören. —