Und wegen des Hasen! Es ist wahrlich zum Lachen, wie falsch der Panther gesehn hat. Wohl hatte mein Oheim den Hasen beim Ohre. Der Hase ist ja meines Oheims Schüler. Er war zu ihm gekommen und wollte lernen, die Psalmen zu singen. Nun aber hat der Hase kein feines Gehör und kann die Töne nicht lernen. Da [verlor] mein Oheim die Geduld und zauste den Hasen an den Ohren. — Aber das ist doch wohl das Recht des Lehrers! — Wo soll denn Ordnung sein, wenn nicht der Lehrer das Recht hat, die Ohren des Schülers zu zausen?

Nein, das muß ich hier sagen, hier vor dem König, daß mein Oheim ein frommes, gutes Leben führt und betet und fastet und seit Wochen kein Fleisch ißt, sondern [Gras und Kräuter]. Laßt ihn kommen, o König, vor euch selbst und sehet, ob es nicht also sei.


Reineke's Neffe hatte gesprochen, und der König hatte gehört. — Da kam Henning daher, der Hahn; — und hinter ihm trug man eine Henne ohne Kopf und Hals. Er selbst war traurig und er begann zu sprechen vor Nobel, dem König: Höret mich an, o König! — Vor wenigen Tagen noch lebte ich still und glücklich inmitten meiner Familie. Da kam der Fuchs daher, als Mönch [gekleidet]. Die Hände gefaltet, mit den Lippen betend, blickte er aufwärts zum Himmel und sagte zu mir: Wisse, Freund Henning, der König hat befohlen, daß alle Tiere im Walde und auf dem Felde in Frieden leben und nicht wieder [streiten] oder einander töten in böser Feindschaft. Du siehst, ich selbst bin nun ein Mönch geworden und nichts hast du von mir zu fürchten, auch nicht deine Söhne und deine Töchter. So sprach der Fuchs und zeigte einen Brief mit großen Siegeln vom König. Mit Freude hörte ich alles und sagte es den anderen. Die sprangen hinaus vom sichern [Hofe] in das Feld, das Beste zu suchen in Busch und Wald. Doch kurz war das Glück, und traurig das Ende.

Der falsche Fuchs hatte sich hinter einer [dichten] Hecke versteckt und sprang hervor und mordete fürchterlich. Von allen meinen stolzen Söhnen und lieblichen Töchtern ist niemand geblieben. Die letzte hat er heute [erwürgt], sie, die Unglückliche, die letzte meines Stammes. Also sprach Herr Henning und weinte bitterlich.


Nobel schüttelte [unmutig] sein königliches Haupt und sprach: Guter Henning, mit Trauer höre ich das Unglück, welches dich befallen hat. Mit allen Ehren wollen wir deine Tochter zu Grabe [bestatten]. Ich selber will dem Sarge folgen. Einen [Marmorstein] lasse ich auf ihr Grab setzen, und darauf soll man diese Worte lesen: »Hier ruht in Frieden: Kratzefuß, Hennings Tochter, die beste der Hennen. Legte viele Eier in's Nest und verstand gut zu [scharren]. Ach! hier liegt sie, durch Reinekens Mord den Ihren genommen.« — Euch aber, ihr Herren, die hier versammelt sind, bitte ich: Beratet, wie [fördern] wir Recht und Frieden im Lande? — [so kam man denn überein], daß Braun, der Bär, auf Reinekens Schloß Malepartus gehen und ihn [auffordern] sollte im Namen des Königs, vor dessen Thron zu erscheinen, auf daß der König die Klage höre und Recht spreche und ihn [strafe], wenn er ihn schuldig befände.

Und Braun ging und wanderte durch eine lange Heide und kam zuletzt nach Malepartus. Da hatte Reineke eine [stattliche] Burg gebaut, fest und stark gegen Feinde, mit vielen [heimlichen Gängen], durch die er [entschlüpfen] könnte, wenn es nötig wäre. In den weiten und schönen Hallen aber lebte Reineke mit seiner Gemahlin und den beiden Söhnchen und sie aßen und tranken vom Besten und waren sorglos.

Da hörte er die rauhe Stimme des Bären, der also rief: Du sollst zum Könige kommen, Reineke, daß der König die Klage höre und Antwort gebe und Recht spreche; und daß er dich strafe, wenn er dich schuldig befindet. — So du aber nicht kommst, wird er dich hängen lassen.

Der Fuchs hörte die Worte des Bären und sprach lächelnd zu sich selbst: Diesen rohen [Gesellen] will ich heimsenden, daß er noch lange an Reineke denke. — Und alsbald ging er hinaus vor das breite [Thor] und sprach mit freundlicher Stimme zu Braun, dem Bären: Guten Tag, mein teuerster Oheim! Welche Ehre für mich, daß ihr selbst mich besuchet! Aber, was sehe ich? Wie seid ihr so [erhitzt] und voll [Staub]! — Konnte der König niemand anders senden? — Mußtet ihr gerade diese [beschwerliche] Reise machen? — Seid ihr hungrig? — Was giebt man euch doch! Ihr wisset, wir leben hier [ärmlich] und haben wenig Gutes. — Honig können wir euch geben. Doch, ich weiß wohl, ihr esset niemals Honig.