Das ist der Tag des Herrn.
Ich bin allein auf weiter Flur;
Noch eine Morgenglocke nur:
Nun Stille nah und fern.
Anbetend knie' ich hier.
O süßes Graun, geheimes Wehn!
Als knieten viele ungesehn
Und beteten mit mir.
Der Himmel nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt' er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn.

Uhland.

Zur Nacht.

Gute Nacht!
Allen Müden sei's gebracht.
Neigt der Tag sich still zu Ende,
Ruhen alle fleiß'gen Hände,
Bis der Morgen nun erwacht.
Gute Nacht!
Geht zur Ruh,
Schließt die müden Augen zu!
Stiller wird es auf den Straßen,
Und den Wächter hört man blaßen;
Und die Nacht ruft allen zu:
Geht zur Ruh!
Schlummert süß,
Träumt euch euer Paradies!
Wenn die Liebe raubt den Frieden,
Sei ein schöner Traum beschieden,
Als ob Liebchen ihn begrüß'.
Schlummert süß!
Gute Nacht!
Schlummert, bis der Tag erwacht,
Schlummert, bis der neue Morgen
Kommt mit seinen neuen Sorgen,
Ohne Furcht, der Vater wacht.
Gute Nacht!

Theodor Körner.

Wanderschaft.

Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.
Vom Wasser haben wir's gelernt,
Vom Wasser!
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
Ist stets auf Wanderschaft bedacht,
Das Wasser.
Das sehn wir auch den Rädern ab,
Den Rädern!
Die gar nicht gerne stille stehn,
Die sich mein Tag nicht müde drehn,
Die Räder.
Die Steine selbst, so schwer sie sind,
Die Steine!
Sie tanzen mit den muntern Reihn
Und wollen gar noch schneller sein,
Die Steine.
O Wandern, Wandern, meine Lust!
O Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
Laß mich im Frieden weiter ziehn
Und wandern.

[Wilhelm Müller][G-1].

Der Hirtenknabe.

König ist der Hirtenknabe,
Grüner Hügel ist sein Thron;
Über seinem Haupt die Sonne
Ist die große goldne Kron'.
Ihm zu Füßen liegen Schafe,
Weiche Schmeichler, rotbekreuzt;
Kavaliere sind die Kälber,
Und sie wandern stolzgespreizt.
Hofschauspieler sind die Böcklein;
Und die Vögel und die Küh',
Mit den Flöten, mit den Glöcklein,
Sind die Kammermusici.
Und das klingt und singt so lieblich,
Und so lieblich rauschen drein
Wasserfall und Tannenbäume,
Und der König schlummert ein.
Unterdessen muß regieren
Der Minister, jener Hund,
Dessen knurriges Gebelle
Wiederhallet in der Rund'.
Schläfrig lallt der junge König:
Das Regieren ist so schwer;
Ach, ich wollt', daß ich zu Hause
Schon bei meiner Kön'gin wär'!
In den Armen meiner Kön'gin
Ruht mein Königshaupt so weich,
Und in ihren schönen Augen
Liegt mein unermeßlich Reich!