„Wie findest du Ingeborg?“ fragte die Mutter ängstlich.

„Sie ist frisch und lebhaft, sieht auch nicht schlecht aus. Aber natürlich, in ihrem Alter ist nicht damit zu spaßen. Wir müssen sehen, daß wir sie aufs Land hinausschicken, bis sie wieder ganz frisch ist, Mama.“

„Ingeborg ist immer so lieb und gut, munter und vergnügt. Und so tüchtig im Haushalt. Ich bange mich so um ihretwillen, Jenny. Ich glaube, sie hat diesen Winter zu viel getanzt, ist allzu viel draußen gewesen und zu spät ins Bett gekommen. Aber ich brachte es nicht übers Herz, es ihr zu verbieten. Du hattest es so trübselig, Jenny, und ich sah sehr wohl, daß du Vergnügen und Freude entbehrtest. — Ich war überzeugt, sowohl du wie Papa würden mir Recht geben, wenn ich dem Kinde sein Vergnügen ließe, solange es sich bot.“ Frau Berner seufzte. „Meine armen kleinen Mädels — Mühsal und Arbeit, das ist es nur, was sie erwartet. Was soll werden, Jenny, wenn ihr mir noch obendrein krank werdet? Ich kann so wenig für euch tun, meine Kinder.“

Jenny beugte sich zu ihr hinüber und küßte ihr die Tränen von den schönen, kindergroßen Augen. Sie schmiegte sich an die Mutter und die Sehnsucht, Zärtlichkeit zu erweisen und selber zu empfangen, die Erinnerung an vergangene Tage der Kindheit und das Bewußtsein, daß ihre Mutter der Tochter Leben mit seinen früheren Sorgen und seiner jetzigen Glückseligkeit nicht gekannt hatte, flossen zusammen zu dem Gefühl schützender Liebe. Frau Berner legte ihren Kopf an der Tochter Brust.

„Nicht weinen, Mama — das wird alles schon werden, du sollst nur sehen. Nun bleibe ich ja vorläufig zu Hause. Und dann haben wir doch Gott sei Dank noch etwas von Tante Katharines Geld übrig.“

„Aber Jenny, das brauchst du doch für deine Ausbildung. Ich habe ja nach und nach eingesehen, daß du an deiner Ausbildung nicht gehindert werden darfst. Es war eine solche Freude für uns alle, als du das Bild im letzten Herbst verkauftest.“

Jenny lächelte ein wenig. Jenes Bild, das verkauft wurde, und die wenigen Worte in der Zeitung über sie — es war, als sähe ihre ganze Familie danach mit ganz anderen Augen auf ihre Malerei.

„Das renkt sich noch alles ein, Mama. Alles. Ich kann etwas nebenher verdienen, wenn ich zu Hause bin. Ein Atelier muß ich haben,“ sagte sie einen Augenblick darauf. Und sie fügte hinzu, hastig, erläuternd: „Denn ich muß meine Bilder im Atelier vollenden.“

„Ja aber,“ die Mutter sah ganz entsetzt aus. „Du wohnst doch zu Hause, Jenny?“

Jenny antwortete nicht gleich.