An den Vormittagen streifte sie in der Gegend von Bygdö umher — allein in dem weißen Sonnenschein. Bleich lag die Erde mit dem toten, gelblichweißen Gras da. Am Waldrande nach Norden zu fand sich noch immer alter Schnee unter den stahlschwarzen Nadeln. Aber an den Südhängen schimmerten die nackten Zweige der Laubbäume in der sonnengetränkten Luft, und unter dem alten, wärmenden Laub lugten weiche Blauanemonenknöspchen hervor. Dort draußen war die Luft schon von Vogelgezwitscher erfüllt. —
Helges Briefe las sie wieder und wieder — sie trug sie bei sich. Sie sehnte sich nach ihm, krankhaft, ungeduldig, sehnte sich, ihn zu schauen, ihn zu berühren, zu fühlen, daß sie ihn auch wirklich besaß.
Zwölf Tage war sie nun daheim, und noch war sie nicht dazu gekommen, zu seinen Eltern zu gehen. Als er schließlich zum dritten Male in einem Briefe fragte, raffte sie sich auf. Morgen sollte es Wahrheit werden.
Das Wetter war im Laufe der Nacht umgeschlagen. Ein beißender Nordwind fegte daher — stechende Sonnenglut und wirbelnde Wolken von Staub und Papier in den Straßen — und plötzlich ein Hagelschauer, so heftig, daß sie in einem Torweg Schutz suchen mußte. Die harten weißen Körner spritzten rings um ihre niedrigen Schuhe und dünnen Sommerstrümpfe von den Pflastersteinen auf.
Dann kam die Sonne wieder hervor.
Grams wohnten in der Welthavensstraße. Jenny stand einen Augenblick an der Ecke still. Der Schatten lag klamm und eiskalt zwischen den beiden Reihen schmutziggrauer Häuser. Nur auf der einen Seite fiel hoch oben ein Sonnenstreifchen hinein. Sie wurde froh, sie wußte, daß Helges Eltern im vierten Stock wohnten.
Diese Straße war vier Jahre hindurch ihr Schulweg gewesen. Da waren sie wieder, die winzig kleinen dunklen Kaufläden, die Fenster mit Blumentöpfen in zerrissenem Seidenpapier und farbigen Majolikakrügen und die vergilbten Modenzeitungen an den Fenstern der Näherinnen, die Torwege, die auf kohlschwarze Hinterhöfe hinausstarrten. Noch immer lagen hier Haufen schmutzigen Schnees und machten die Luft in den Hofräumen rauh. Die Straßenbahnen fuhren mit schwerem Getöse die hügelige Straße hinauf.
Gleich daneben, an der Pilengasse, lag eine von den rußigen, grauen Mietskasernen mit einem Hofplatz, der einer dunklen Höhle glich. Dort hatten sie gewohnt, als der Stiefvater starb.
Sie verweilte ein wenig draußen vor der Eingangstür mit dem Messingschilde G. Gram. Sie hatte Herzklopfen und versuchte, über sich selbst zu lachen. Immer ging es ihr so; sinnlos beklommen war sie, wenn sie in eine Lage kam, die sie sich nicht Jahre im voraus hatte ausmalen können. Herrgott — ein Paar zukünftiger Schwiegereltern waren doch keine besonders wichtigen Persönlichkeiten für sie. Auffressen würden sie sie jedenfalls kaum können. Sie läutete.
Drinnen hörte sie jemanden durch einen langen Korridor kommen, und gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Helges Mutter. Jenny erkannte sie von der Photographie her.