„Frau Gram? — Mein Name ist Winge.“

„Ah so — bitte sehr, wollen Sie nicht nähertreten?“

Sie ging vor Jenny her durch einen langen, engen Gang, der angefüllt war mit Schränken, Kisten und Mänteln.

„Bitte schön,“ sagte Frau Gram wieder und öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Helles Sonnenlicht lag auf den schweren moosgrünen Plüschmöbeln; der Raum war nicht groß und gestopft voll von Nippes und Photographien. Auf dem Fußboden lag ein Teppich in schillernden Farben, vor allen Türen hingen Plüschportieren.

„Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe hier so lange nicht Staub wischen können,“ sagte Frau Gram. „Wir sind an Werktagen nämlich nie in diesem Zimmer, und ich bin augenblicklich ohne Mädchen. Das letzte mußte ich wegjagen — die ärgste Schmutzliese, und dann konnte sie ihren Mund nie halten. So sagte ich ihr denn, sie sollte machen, daß sie fortkäme. Aber eine neue zu bekommen — das ist unmöglich, und schließlich sind sie eine wie die andere. Nein, Hausfrau, das ist der schlimmste Beruf, den es gibt. — Ja, Helge hatte uns ja auf Ihren Besuch vorbereitet, jetzt hatten wir aber die Hoffnung wahrhaftig aufgegeben, daß Sie uns die Ehre geben würden.“

Während sie lächelte und sprach, zeigte sie eine Reihe großer, weißer Vorderzähne. An beiden Seiten fehlten die Augenzähne und hatten eine dunkle Lücke hinterlassen.

Jenny betrachtete sie, Helges Mutter.

Sie hatte sich dies alles so ganz anders gedacht.

Nach seinen Erzählungen hatte sie sich ein Bild von seinem Heim und seiner Mutter gemacht. Die Mutter mit dem schönen Antlitz, das auf der Photographie Helge ähnlich war, mochte sie gern. Sie, die der Mann nicht liebte, die aber ihre Kinder so geliebt hatte, daß sie sich dagegen auflehnten und rebellierten, hinaus wollten, fort von dieser tyrannischen Mutterliebe, die es nicht ertrug, daß sie etwas anderes seien als nur ihre Kinder. In ihrem Herzen hatte Jenny Partei ergriffen für diese Mutter. Männer konnten kaum verstehen, wie eine Frau werden mußte, die Liebe gab und niemals Liebe zurück empfing, außer der Kindesliebe der ersten Jahre. Die Kinder begriffen ja die Gefühle einer Mutter nicht, wenn sie sie heranwachsen und sich von ihr abwenden sah, begriffen nicht, daß eine Mutter sich in Trotz und Zorn gegen das unerbittliche Leben auflehnte, das daran Schuld war, daß die Kinder groß wurden und nicht mehr ihr Ein und Alles in der Mutter sahen, für die doch bis in alle Ewigkeit die Kinder das Höchste bedeuteten.

Jenny hatte Helges Mutter lieben wollen.