Und nun empfand sie eine rein physische Abneigung gegen diese Frau Gram, die da vor ihr saß und unaufhörlich redete.

Es waren wohl Helges Züge wie auf dem Bilde. Diese hohe, ein wenig schmale Stirn, die fein gebogene Nase und die gradlinigen, dunklen Brauen, der kleine Mund mit den feinen schmalen Lippen und das spitze Kinn.

Um ihren Mund lag aber ein Ausdruck, als ob alles, was sie sprach, nur Spott sei. Ein spöttischer und bösartiger Zug war in all den feinen Runzeln des Gesichts. Die großen Augen, selten schön geschnitten mit ganz emailleblauem Weiß im Apfel, hatten einen harten, stechenden Blick, diese großen, tiefbraunen Augen, die viel dunkler waren als die Helges.

Schön mußte sie gewesen sein, selten schön. Und dennoch wußte Jenny ganz bestimmt, was ihr früher schon einmal eingefallen war, daß Gert Gram diese Frau kaum aus Liebe geheiratet hatte. Dame war sie auch durchaus nicht — weder in Sprache noch Wesen. Es gab ja so viele nette junge Mädchen im Mittelstande, die zu Vetteln wurden, sobald sie eine Weile verheiratet waren und sich in der Enge des Hauses mit Dienstmädchen- und Wirtschaftssorgen einige Jahre abgeplagt hatten.

„Kandidat Gram bat mich, zu Ihnen zu gehen und Sie von ihm zu grüßen,“ sagte Jenny. Sie empfand es plötzlich als eine Unmöglichkeit, Helge bei seinem Namen zu nennen.

„Ja, er war in der letzten Zeit nur mit Ihnen zusammen, in den letzten Briefen erwähnt er jedenfalls niemand anderes. Uebrigens schwärmte er im Anfang wohl ein bißchen für ein kleines Fräulein Jahrmann, glaube ich?“

„Meine Freundin, Franziska — ja, im Anfang waren wir eine ganze Schar, die sich oft zusammenfand. Aber jetzt zuletzt war Fräulein Jahrmann mit einer größeren Arbeit beschäftigt.“

„Sie ist wohl die Tochter von Oberstleutnant Jahrmann in Tegneby? Hat sie nicht Geld?“

„Nein. Ihre Ausbildung bestreitet sie von dem Wenigen, was sie von ihrer Mutter geerbt hat, sie steht nicht eben auf gutem Fuße mit ihrem Vater, d. h. er wünschte nicht, daß sie Malerin wurde, und dann wollte sie nichts von ihm annehmen.“

„Wie töricht. — Meine Tochter, Frau Kaplan Arnesen,“ sagte Frau Gram, „kennt sie flüchtig, sie war hier zu Weihnachten. Sie meinte übrigens, da spielten andere Gründe mit, weshalb Oberstleutnant Jahrmann nichts mit ihr zu tun haben wollte; sie soll ja so hübsch sein, aber einen recht schlechten Ruf haben.“