„Das ist durchaus unwahr,“ sagte Jenny steif.
„Ja, Sie Künstlerinnen haben es gut,“ Frau Gram seufzte. „Aber ich begreife nicht, wie Helge arbeiten konnte. Ich fand, er schrieb nie von etwas anderem, als daß er mit Ihnen hier und dort in der Campagna herumgestreift sei.“
„Oh — oh,“ sagte Jenny. — Es war peinlich über das Leben dort unten aus Frau Grams Munde zu hören. „Kandidat Gram war sehr fleißig, fand ich. Einen Feiertag muß man doch hin und wieder haben.“
„Ja. Wir Hausfrauen müssen freilich ohne solche auskommen. Warten Sie, bis Sie verheiratet sind, Fräulein Winge. Aber auch andere Menschen sollen ihre freien Tage haben. Ich habe eine Nichte, die eben Volksschullehrerin geworden ist. Sie sollte Medizin studieren, konnte es aber nicht aushalten, sie mußte aufhören und aufs Seminar gehen. Ja, ich finde, die hat immer frei. Du wirst dich doch wahrhaftig nicht überanstrengen, Aagot, sage ich zu ihr.“
Frau Gram verschwand durch eine Tür auf den Korridor hinaus. Jenny erhob sich und betrachtete die Malereien.
Ueber dem Sofa hing eine große Campagnalandschaft. Man konnte wohl sehen, daß Helges Vater in Kopenhagen gelernt hatte. Das Bild war gut und solide gezeichnet, aber dünn und trocken in der Farbe. Besonders der Vordergrund mit den beiden Italienerinnen in Nationaltracht und den miniaturartig gemalten Pflanzen an einer umgestürzten Säule waren langweilig. Die Modellstudie eines jungen Mädchens darunter war besser.
Sie mußte lächeln. — Man konnte beim Anblick dieser italienischen Romantik verstehen, daß es Helge im Anfang schwer gefallen war, sich in Rom zurechtzufinden, und daß es ihn enttäuscht hatte.
Da waren viele kleine braune, zierlich gezeichnete Landschaften von Italien mit Ruinen und Nationaltrachten. Aber die Studie des Priesters dort war gut.
Einige Kopien dagegen — Corregios Danaë und Guido Renis Aurora — oh Gott! Außerdem fanden sich noch einige andere Kopien von barocken Bildern, die sie kaum kannte.
Dann hing an der einen Seite noch eine große hellgrüne Sommerlandschaft. Gram hatte versucht, impressionistisch zu malen. Das Bild war aber dünn und häßlich in den Farben. Das dort über dem Klavier war besser. Sonnenglut über den Felsspitzen, die Luft war entzückend wiedergegeben.