Auf der Treppe traf sie Gram. Er mußte es sein. Sie empfing so im Vorbeigehen den Eindruck, als sähe er sehr jugendlich aus und hätte leuchtend blaue Augen.
III.
Zwei Tage später, als Jenny des Nachmittags arbeitete, bekam sie Besuch von Helges Vater.
Jetzt, als er dastand, mit dem Hute in der Hand, sah sie, daß sein Haar ganz grau war, so grau, daß man nicht mehr unterscheiden konnte, welche Farbe es ursprünglich gehabt hatte. Jung sah er aber trotzdem aus. Die Gestalt war schlank, ein wenig gebeugt, aber nicht wie bei einem alten Manne, eher, als sei er ein wenig zu schmächtig für seine Größe. Seine Augen waren jung, obgleich sie trüb und müde aus dem mageren, glattrasierten Antlitz blickten. Sie waren aber so groß und so leuchtend blau, daß sie einen merkwürdig offenen Eindruck machten, verwundert und grüblerisch zugleich.
„Ja, Sie werden begreifen, daß es mich danach verlangt, Sie zu begrüßen, Fräulein Winge,“ sagte er und reichte ihr die Hand. „Nein — ich bitte Sie, legen Sie die Schürze nicht ab. Und sagen Sie’s mir, wenn ich Sie störe.“
„Nein, lieber Herr Gram,“ sagte Jenny fröhlich; seine Stimme und sein Lächeln gefielen ihr. Sie warf die Malerschürze auf den Kohlenkasten. „Es wird sowieso bald dunkel. Wie liebenswürdig von Ihnen, mich zu besuchen!“
„Es ist eine Ewigkeit her, daß ich in einem Atelier war,“ sagte Gram und blickte umher. Dann setzte er sich aufs Sofa.
„Verkehren Sie mit keinem anderen der Maler — irgend jemandem aus Ihrer Zeit?“ fragte Jenny.
„Nein, mit niemandem,“ antwortete er kurz.
„Aber.“ Jenny überlegte. „Aber wie in aller Welt haben sie hierher gefunden? Haben Sie sich bei mir zu Hause erkundigt — oder im Künstlerbund?“