Ende Mai hatte Jenny ungewöhnlich lange Zeit keine Post von Helge bekommen. Sie begann ängstlich zu werden und hatte gerade beschlossen, am nächsten Tage zu telegraphieren, falls sie bis dahin nichts hörte. Nachmittags war sie im Atelier, als jemand an die Tür klopfte. Nachdem sie geöffnet, wurde sie plötzlich von einem Manne, der draußen im Dunkel des Bodenganges stand, ergriffen, umarmt und geküßt.

„Helge!“ Sie jubelte. „Helge, Helge — laß dich anschauen! Oh, nein, wie du mich erschreckt hast! Laß sehen — Helge — bist du es denn wirklich und gewiß?“ Sie zog ihm die Reisemütze vom Kopfe.

„Ja, natürlich, ein anderer kann es doch kaum sein,“ lachte er unbekümmert.

„Aber, Liebster — was hat denn das zu bedeuten?“

„Das will ich dir gleich erklären,“ sagte er, fand aber nicht die Zeit dazu, sondern preßte sein Gesicht an ihren Hals.

„Ich wollte dich nämlich überraschen, weißt du.“ Sie saßen Hand in Hand auf dem Sofa und schöpften Atem nach den ersten heißen Küssen. „Und das ist mir doch gut geglückt, nicht wahr? Laß mich sehen, Jenny. Wie schön du bist! Zu Hause denken sie, ich bin in Berlin. Ich übernachte heute im Hotel und bleibe einige Tage inkognito in der Stadt — findest du das nicht großartig? Es ist übrigens dumm, daß du zu Hause wohnst. Sonst könnten wir den ganzen Tag über zusammen sein —.“

„Weißt du,“ sagte Jenny, „als du klopftest, dachte ich, es sei dein Vater.“

„Vater?“

„Ja.“ Sie wurde im selben Augenblick ein wenig verwirrt. Es fiel ihr plötzlich schwer, ihm den ganzen Zusammenhang zu erklären. „Ja, siehst du, dein Vater machte mir eines Tages einen Besuch, und seitdem ist er manchmal zum Tee zu mir gekommen. Wir haben dann gesessen und von dir gesprochen —.“

„Aber Jenny — davon hast du ja kein Wort geschrieben! Du hast ja gar nicht erwähnt, daß du Vater getroffen hast!“