Jenny zog ihn mit sich zur Staffelei.
Die große Leinwand zeigte eine Straße, die sich nach links hinüber verlor, mit einer Häuserreihe in starker Perspektive, Kontor- und Werkstattsgebäude in graugrünen und dunklen, backsteinroten Farben. Auf der rechten Seite der Straße standen einige Lumpenhändlerbuden, und dahinter ragten die Brandmauern zum Himmel empor, in dessen kräftigem Blau hier und da schwere Regenwolken, graublau wie Blei und weiß wie Silber, standen. Greller Nachmittagssonnenschein fiel in die Straße, auf die Buden und Hausmauern, die rotgold aufleuchteten, und auf ein paar goldiggrüne, mit halbaufgesprungenen Knospen übersäte Baumkronen, die auf dem Platz zwischen Buden und Brandmauer standen. Als Staffage dienten Arbeitsleute, Karren und Geschäftswagen auf der Straße.
„Ich verstehe ja nicht viel davon. Aber —.“ Helge hielt sie fest umschlungen. „Ist es nicht sehr gut, du? Ich finde es wunderschön, Jenny — herrlich!“
Sie legte ihren Kopf auf seine Schulter:
„Während ich hier umherlief und auf meinen Jungen wartete — ich bin ja im Frühling immer hier einsam und trübselig umhergeirrt. Als ich sah, wie Bergahorn und Kastanie ihr klares, lichtes Laub vor den rußigen Häusern und roten Mauern entfalteten — als ich den prachtvollen Frühlingshimmel erblickte, der sich über all den schwarzen Dächern spannte, über Schornsteinen und Telephondrähten: da lockte es mich, dies alles zu malen, die feinen hellen Frühlingsknospen mitten in der schmutzigen schwarzen Stadt.“
„Wo liegt diese Stelle?“ fragte Helge.
„In der Stenerstraße. — Ja, weißt du, dein Vater sprach von einigen Bildern von dir als kleinem Jungen, die er drüben im Büro hatte; die sollte ich mir ansehen. Und da entdeckte ich das Motiv von seinem Bürofenster aus und durfte dann in der Kistenfabrik nebenan arbeiten. Von dort aus ist es gemalt; ich mußte natürlich hin und wieder einiges umgestalten, ein wenig abändern —.“
„Du bist viel mit Vater zusammen gewesen?“ fragte Helge kurz darauf. „Er interessierte sich wohl sehr für dein Bild?“
„Ja, gewiß. Er kam mitunter zu mir herüber und betrachtete es, gab mir auch einige Ratschläge, die übrigens sehr gut waren. Er weiß ja eine Menge.“
„Glaubst du, daß Vater als Maler Talent hatte?“ sagte Helge.