Sie umschlang plötzlich seinen Hals und barg liebkosend seinen Kopf an ihrer Schulter. Schon als er sprach, hatte sie gemerkt, daß er den Grund ihrer Sehnsucht nicht verstanden hatte.

Sie hob seinen Kopf wieder in die Höhe und blickte in seine bernsteingelben Augen; sie wollte an all die sonnenhellen Tage in der Campagna denken, als er, im Grase zwischen den Tausendschön liegend, zu ihr aufgeblickt hatte.

Sie wollte dieses schwere, erstickende Unlustgefühl von sich abschütteln, das jedesmal wieder Macht über sie gewann, wenn sie in seinem Hause war.

Alles war hier so unleidlich. Gleich vom ersten Abend an, als sie nach Helges offizieller Ankunft eingeladen war. Wie hatte sie es gequält, daß sie dastehen und Komödie spielen mußte, als Frau Gram sie ihrem Manne vorstellte; und Helge war zugegen und sah zu, wie sie seine Mutter betrogen. Es quälte sie fürchterlich. Dann geschah etwas, das noch viel ekelhafter war. Sie war einen Augenblick mit Gram allein; da hatte er beiläufig erwähnt, daß er an jenem Nachmittag oben an ihrer Tür gewesen sei, sie aber nicht angetroffen habe. „Nein, ich war an dem Tage nicht im Atelier,“ hatte sie geantwortet, war aber gleichzeitig blutrot geworden. Dann hatte er sie so merkwürdig erstaunt angesehen, als sie — sie wußte nicht, warum? — plötzlich sagte: „Doch, ich war übrigens zu Hause. Ich konnte aber nicht öffnen, es war jemand bei mir.“

Gram hatte gelächelt und gesagt: „Ich habe es wohl gehört, daß jemand im Atelier war.“ Und in ihrer Verwirrung hatte sie erzählt, daß es Helge gewesen, und daß er sich ein paar Tage inkognito in der Stadt aufgehalten.

„Liebe Jenny,“ hatte Gram sichtbar unwillig erwidert: „Ihr hättet euch doch nicht vor mir zu verstecken brauchen. Ich hätte euch wahrhaftig in Frieden gelassen. Ja, ja. — Aber ich muß doch sagen, daß es mich recht gefreut haben würde, wenn Helge mich begrüßt hätte —.“

Sie hatte darauf nichts zu erwidern gewußt.

„Ich werde aber achtgeben, daß Helge nicht erfährt, daß ich etwas davon weiß.“

Es war gar nicht ihre Absicht gewesen, Helge zu verheimlichen, daß sie seinem Vater davon erzählt hatte. Aber jetzt sagte sie es doch nicht — aus Furcht, daß er darüber ärgerlich sein könnte. Sie litt aber und wurde nervös in dieser Umgebung, in die sie hineingeraten war: der eine durfte es nicht wissen und der andere durfte es nicht wissen.

Daheim hatten sie auch keine Ahnung. Aber das war etwas anderes. Es lag daran, daß sie nicht gewöhnt war, mit ihrer Mutter von ihren eigenen Angelegenheiten zu sprechen, sie hatte dort nie Verständnis gefunden, auch niemals gesucht oder erwartet. Dabei war ihre Mutter jetzt mit der Sorge um Ingeborg beschäftigt. Jenny hatte die Mutter dazu bestimmt, im Bundefjord eine Sommerwohnung zu mieten; Bodil und Nils fuhren von dort zur Schule in die Stadt, Jenny aber wohnte im Atelier und aß auswärts.