„Jenny, ach Jenny!“ Er küßte sie behutsam viele, viele Male. Als sie ruhiger geworden war, ergriff er ihre Hand.
„Ich gehe jetzt. Schlaf gut. Du darfst nicht böse auf mich sein. Du bist so müde, armes Kleines!“
„Sag mir lieb Gute Nacht,“ bat sie und hing an seinem Halse.
„Gute Nacht, meine süße, geliebte Jenny. Du bist müde, Armes — so matt. Gute Nacht. Gute Nacht.“
Dann ging er. Und wieder weinte sie.
VI.
„Hier ist es, was ich dir eigentlich zeigen wollte,“ sagte Gert Gram und erhob sich. Er hatte auf den Knien gelegen und in dem unteren Fach des Geldschrankes gekramt.
Jenny schob die alten Skizzenbücher beiseite und rückte die elektrische Tischlampe zu sich hinüber. Er wischte den Staub von der großen Mappe und reichte sie ihr.
„Es ist viele Jahre her, seit ich dies irgend jemandem zeigte oder mir selber angesehen habe. Aber lange habe ich gewünscht, du solltest es sehen, seit dem ersten Male, als ich bei dir im Atelier war. An jenem Tage, als du dir hier die Bilder von Helge als kleinen Jungen ansahst, nahm ich mir vor, dich zu fragen, ob du die anderen sehen willst. Und später, während du hier arbeitetest, habe ich immer wieder daran gedacht. — Ja, es ist sonderbar, Jenny. Wenn ich daran denke, während ich hier den Alltag mit meiner Arbeit zubringe.“ Er blickte sich in dem kleinen engen Büroraum um. „Hier bin ich gelandet mit all meinen Jugendträumen. Drüben im Schrank liegen sie, wie Leichen in ihrem Sarkophage, und hier gehe ich selbst umher — ein toter und vergessener Künstler.“
Jenny schwieg. Gram drückte sich mitunter ein wenig sentimental aus, fand sie. Obgleich sie wußte, daß das Gefühl, das ihm die Worte gab, bitter aufrichtig war. Einer plötzlichen Eingebung folgend, strich sie ihm leicht über das graue Haar.