Gram beugte den Kopf ein wenig nieder, gleichsam als wollte er ihre flüchtige Liebkosung verlängern. Dann — ohne aufzublicken, löste er die Bänder an der Mappe. Seine Hand bebte leicht.
Sie merkte mit Erstaunen, daß ihre eigenen Hände zitterten, als sie das erste Blatt entgegennahm. Ihr war so merkwürdig beklommen ums Herz, als fühlte sie, daß ein Unglück geschehen würde: ihr wurde plötzlich Angst bei dem Gedanken, daß ja niemand von dem Besuch wissen durfte, daß sie nicht wagte, es Helge zu sagen. Sie wurde mißmutig, als sie jetzt an ihren Verlobten dachte. Seit langem hatte sie es absichtlich unterlassen, darüber nachzudenken, was sie eigentlich für ihn fühlte. Sie wollte der Ahnung, die in dieser Sekunde in ihr aufdämmerte, nicht Raum geben und wollte sich nicht noch mehr in Unruhe bringen durch die Frage, was eigentlich Gert Gram für sie empfand.
Blatt für Blatt nahm sie aus der Mappe, die seine Jugendträume enthielt, und es wurde ihr dabei unsagbar traurig zumute.
Er hatte ihr von diesem Werk — Zeichnungen zu Landstads Volksliedern — erzählt, so oft sie allein waren. Es war ihr klar geworden, daß er um dieser einzigen Arbeit willen geglaubt, er sei zum Künstler geboren.
Seine Bilder zu Hause hatte er selber einmal Dilettantenarbeit eines fleißigen und gewissenhaften Schülers genannt. Aber dies hier — das war sein Eigen. Sie sahen auf den ersten Blick sehr gut aus, diese großen Blätter mit der reichen Umrahmung romantischen Laubwerks und den zierlichen Mönchsbuchstaben des Textes. Die Farbenwirkung war überall rein und fein, bei einigen sogar verblüffend. Aber die eingefügten Vignetten und Friese mit Figuren, so sorgfältig und richtig ihre miniaturartige Zeichnung auch war, so leblos und stillos erschienen sie. Einige waren durchaus naturalistisch, wieder andere lehnten sich so eng an italienisch-mittelalterliche Kunst, daß Jenny einzelne ganz bestimmte Offenbarungsengel und Madonnen unter den Kopfbedeckungen der Ritter und Jungfrauen wiedererkannte. Ja, sogar die Farbenwirkung selbst, so z. B. von dem Hukaballiede mit den goldenen und rotvioletten Tönen, erkannte sie aus einem bestimmten Meßbuch, das sie in der San Marco-Bibliothek gesehen hatte. Wie seltsam die groben, festgeformten Verse sich dagegen abhoben, in den zierlichen Typen des Klosterlateins geschrieben. Bei einigen der großen, ganzseitigen Bilder waren Formensprache und Komposition in barockem Stil gehalten, römischen Altarbildern entlehnt. Ein Widerklang all dessen, das er gesehen, worin er gelebt, was er geliebt, das war Gert Grams Jugendmelodie. Keiner dieser Töne war sein eigen, es war nur ein Echo vieler Töne, wenn auch dies Echo alles mit eigenem, weichem, melancholischem Klange wiedergab.
„Du bist nicht damit zufrieden,“ sagte er lächelnd. „O nein, ich sehe wohl.“
„Doch, natürlich. Es liegt so viel Schönes und Zartes darin. Du weißt,“ sie suchte nach dem Ausdruck, „es wirkt auf uns etwas fremd, da wir die gleichen Motive anders behandelt gesehen — und so gut, daß wir sie uns in anderer Art nicht recht vorstellen können.“
Er saß ihr gegenüber, das Kinn auf die Hand gestützt. Nach einer Weile sah er auf — ihr Herz krampfte sich bei diesem Blick zusammen:
„Ich wußte übrigens schon damals, was daran hätte besser sein sollen,“ sagte er still und versuchte zu lächeln. „Wie ich dir sagte, ich habe die Mappe soviele Jahre nicht hervorgeholt.“
„Ich habe niemals recht verstehen können,“ sagte sie nach einer Weile ablenkend, „daß du dich zu Spätrenaissance und Barock so hingezogen fühltest.“