„Es ist auch nicht zu verlangen, kleine Jenny, daß du das verstehst.“ Er blickte ihr mit einem sonderbar wehen Lächeln ins Gesicht. „Siehst du, es gab wohl eine Zeit, da ich felsenfest an mein eigenes Talent glaubte. Aber doch nie so unbedingt, daß nicht ein kleiner nagender Zweifel zurückgeblieben wäre. Nicht daran zweifelte ich, daß ich nicht auszudrücken vermöchte, was ich sagen wollte, ich war mir nicht klar darüber, was ich eigentlich ausdrücken wollte. Ich sah ja, daß die romantische Kunst abgeblüht und im Begriff war, hinzuwelken. Fast auf der ganzen Linie hatten Verfall und Unwahrhaftigkeit um sich gegriffen, und gerade der Romantik gehörte mein ganzes Herz. Nicht nur in der Malerei. Ich sehnte mich nach den sonntäglichen Bauern der Romantik, trotzdem ich als Knabe lange genug auf dem Lande gelebt hatte, um zu wissen, daß es sie nicht mehr gibt. Als ich in die Welt zog, war mein Ziel das Italien der Romantik. Ich weiß sehr wohl, du und deine Zeit, ihr sucht die Schönheit in dem, was ist, sinnlich und wirklich. Ich fand sie nur in der Umbildung der Wirklichkeit, die andere schon vorgenommen hatten. Du weißt, die achtziger Jahre kamen mit ihrem neuen Glaubensbekenntnis, ich machte den Versuch, zu folgen, doch mein Herz lehnte sich auf.“
„Ja, aber Gert,“ Jenny richtete sich auf, „die Wirklichkeit ist doch nicht ein bestimmter Begriff. Sie zeigt sich jedem einzelnen anders. ‚There’s beauty in everything,‘ sagte ein englischer Maler einmal zu mir, ‚only your eyes see it or see it not, little girls‘“.
„Ja, aber, Jenny — ich vermochte ja die Wirklichkeit nicht zu sehen, ich erfaßte nur ihren Widerschein in den Träumen Anderer. Ich war nicht einmal fähig, aus der Mannigfaltigkeit der Wirklichkeitswelt meine Schönheit herauszufinden. — Ich fühlte meine eigene Ohnmacht deutlich. Als ich dann dort hinunterkam, eroberte der Barock mein Herz. Begreifst du die tiefe Ohnmacht und die Seelenpein, die man unter der Unfähigkeit, der Phrase, erleidet? Nichts Persönliches, Neues zu besitzen, um die Form damit zu erfüllen. — Nur die Technik vervollkommnet sich, die rauschende Bewegung der Gewänder, die halsbrecherischen jähen Reduktionen, die gewaltigen Effekte in Licht und Schatten, die geschraubte Komposition. Die Leere wird unter der Ekstase verborgen — verzerrte Gesichter, verrenkte Glieder, Heilige, deren einzig wahre Leidenschaft die Furcht vor ihrem eigenen hartnäckigen Zweifel ist, den sie in krankhafter Erregung ersticken wollen. Ja, wahrhaftig, du, das ist die Verzweiflung des Niederganges, das Werk der Epigonen, das nur blenden will — und meist sich selbst.“
Jenny nickte. „Dies ist jedenfalls deine subjektive Anschauung. Ich bin durchaus überzeugt, daß die Maler, von denen du sprichst, außerordentlich stolz und zufrieden mit sich selber waren.“
Er schlug plötzlich einen anderen Ton an und lachte: „Möglich. Vielleicht wurde dies mein Steckenpferd, weil, wie du sagtest, es nun einmal mein subjektiver Standpunkt war.“
„Aber das Bild, das du von deiner Frau gemalt hast — in Rot — das ist doch ganz impressionistisch, und es ist ausgezeichnet. Je öfter ich es mir anschaue, desto besser finde ich es.“
„O ja. Aber das ist ja ein vereinzelter Fall.“ Er schwieg. „Als ich malte, war sie für mich das Leben. Ich war toll verliebt in sie — und doch haßte ich sie schon so grenzenlos.“
„Daß du die Malerei aufgabst,“ fragte Jenny leise, „war das ihre Schuld?“
„Nein, Jenny. Alles, was uns an Unglück zustößt, ist unsere eigene Schuld. Ich weiß, du bist nicht, was man gläubig nennt. Darin geht es mir ähnlich. Aber ich glaube — an Gott meinetwegen, oder eine seelische Macht, oder was du sonst willst, die in gerechter Weise straft. — Sie war irgendwo draußen in der Großen Straße Kassiererin in einem Geschäft. Ich sah sie dort zufällig. Sie war herrlich schön; das kannst du vielleicht jetzt noch sehen. Nun ja, ich lauerte ihr eines Abends auf, als sie aus dem Geschäft kam, und sprach sie an. Lernte sie kennen. — Ich verführte sie,“ sagte er leise und hart.
„Und dann hast du sie eben geheiratet, weil sie ein Kind bekam. Das habe ich mir gedacht. Zum Dank hat sie dich siebenundzwanzig Jahre lang gequält und geplagt. — Weißt du, die Gerechtigkeit, an die du da glaubst, ist recht grausam.“