Er lächelte müde: „Ich bin gar nicht so altmodisch, Jenny, wie du vielleicht denkst. Ich erblicke darin keine Sünde, daß zwei junge Menschen, die sich lieben und fühlen, daß sie zusammengehören, sich einander hingeben, ob nun unter gesetzlichen oder ungesetzlichen Umständen. Ich aber habe Rebekka tatsächlich verführt. Sie war unschuldig, als ich sie traf, nicht nur rein körperlich, meine ich. Ich sah, wie sie war — sie ahnte es selber nicht. Ich wußte, wie leidenschaftlich sie war, wie eifersüchtig und tyrannisch sie in ihrer Liebe sein würde. Ich machte mir aber den Teufel etwas daraus, ich fühlte mich geschmeichelt, daß gerade mir diese Leidenschaft galt, daß ich dieses herrliche Mädchen so ganz mein eigen nennen durfte. Natürlich hatte ich nie die Absicht, mich ihr ganz zu opfern, trotzdem ich wußte, sie würde alles fordern. Ich hatte nicht gerade vor, sie zu verlassen, glaubte aber, ich würde mich schon zu behaupten wissen. Ich hoffte, aus unserem Verhältnis ausschalten zu können, was ich ihr nicht geben wollte — meine Interessen, meine Arbeit: mein eigentliches Leben — obwohl ich wußte, sie würde versuchen, alles an sich zu reißen. Es war erzdumm von mir; ich wußte, ich war schwach, und sie stark und rücksichtslos. Aber ich rechnete darauf, daß ihre stärkere Leidenschaft mir, der ich in gewissen Punkten verhältnismäßig kalt war, ein Uebergewicht geben würde. — Ich entdeckte, daß sie außer ihrer großen Fähigkeit zu lieben keine starken Eigenschaften besaß. Sie war eitel und ungebildet, neidisch und roh. Wir hatten keine seelische Gemeinschaft, was ich aber nicht vermißte. Ich wollte ja nur ihren herrlichen Körper besitzen, ihre verzehrende Leidenschaft genießen.“
Er erhob sich und ging zu Jenny hinüber, ergriff ihre Hände und preßte sie einen Augenblick an seine Augen.
„Konnte ich denn wissen, daß eine Ehe mit ihr ein einziges Elend sein würde? — Ich mußte ernten, was ich gesät. Ich mußte sie also heiraten. Es war eine fürchterliche Zeit. Vorher, als sie zu mir ins Atelier kam — wild und toll vor Uebermut — verhöhnte sie jedes altväterische Vorurteil. Sie war stolz, Geliebte zu sein, übermütig — für sie gab es nichts als dies freie Liebesleben. Als es dann eine schlimme Wendung mit ihr nahm, blies sie aus einem anderen Horn. Ich bekam von ihrer achtbaren Familie in Frederikshald zu hören, ihrer unbefleckten Tugend, ihrem guten Ruf — ich dagegen war ein Schurke, ein Wicht, wenn ich sie nicht augenblicklich heiratete. Soundso viele Männer hatten sie auf diese oder jene Weise haben wollen, sie aber wollte sich weder verloben noch sich verführen lassen.
Ich hatte nichts zum Heiraten — ich war Student, nicht einmal tüchtig, und hatte außer der Malerei nichts gelernt. Monate gingen hin. Ich mußte zu meinem alten Vater gehen. Dann heirateten wir, und zwei Monate später kam Helge. — Meine Familie half mir, dies Geschäft zu beginnen. Ich hatte ja einmal große Träume von einem Kunstverlag ... meine Volksliederblätter! — Aber die Herbeischaffung des täglichen Brotes und meine Familie machten mir Sorge und Mühe genug. Ich mußte sogar einmal akkordieren, wie du vielleicht gehört hast — in den neunziger Jahren. Sie nahm ehrlich und redlich ihr Teil an Arbeit, Entbehrung und Armut auf ihre Schultern und hätte mit Freuden für mich und die Kinder gehungert. Es war bei meinen Gefühlen für sie beschämender, eingestehen zu müssen, daß sie sich für mich abarbeitete, sich aufopferte und für mich litt. — Ich mußte auf alles verzichten, was mir lieb war. Zoll für Zoll zwang sie mich all das aufzugeben, was ich vor ihr voraus hatte. Mein Vater und sie waren Todfeinde von der ersten Stunde an. Sie war ihm unsympathisch! Und das verletzte ihre Eitelkeit. So trieb sie einen Keil zwischen uns beide. Vater war Beamter von der alten Schule, vielleicht ein wenig engherzig, steif und trocken — aber so fein und vornehm und rechtlich denkend und im Grunde so warm, so weich und gut. Wir waren einander immer viel — ja, Jenny, ich liebte ihn, aber das durfte ich natürlich nicht. — Dann die Malerei! Ich sah, daß ich nicht die Fähigkeiten hatte, wie ich erst geglaubt. Ich vermochte aber nicht, mich immer und immer wieder zu versuchen, da ich doch nicht an mich selber glauben konnte, müde, wie ich war von der Jagd nach dem täglichen Brot und von diesem Zusammenleben, das mehr und mehr zu einer Karikatur wurde. Sie machte mir Vorwürfe, aber heimlich triumphierte sie. — Und dann die Kinder! Sie war eifersüchtig, wenn sie merkte, ich freute mich über sie oder wenn sie sah, sie waren fröhlich mit mir. Sie wollte die Kinder nicht mit mir teilen, aber sie wollte mich auch nicht mit den Kindern teilen. Ihre Eifersucht wuchs sich mit den Jahren zu einer Art Irrsinn aus. Nun, du hast ja selbst gesehen.“
Jenny blickte zu ihm auf.
„Sie kann es kaum ertragen, daß wir in einem Raume zusammen sind, nicht einmal, wenn Helge dabei ist.“
Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie auf ihn zuging und ihre Hände auf seine Schultern legte:
„Ich begreife nicht,“ flüsterte sie, „daß du dies Leben ausgehalten hast.“
Gert Gram beugte sich vor und legte seinen Kopf auf ihre Schulter:
„Ich verstehe es ja selber nicht, Jenny.“