Sie warf sich weinend über seine Knie:

„Laß mich fortreisen! Ich will ins Gebirge fahren. Hörst du, Helge — ich muß mich selber wiederfinden — ich will deine Jenny werden, wie in Rom. Ich will, Helge — ich weiß weder aus noch ein, aber ich will. Wenn ich ruhiger geworden bin, schreibe ich an dich; dann kommst du nach und dann bin ich nur deine, ganz deine Jenny —.“

„Jenny,“ sagte Helge leise. „Ich bin meiner Mutter Sohn. Wir haben uns voneinander entfernt — wir haben uns schon jetzt voneinander entfernt. Du müßtest mich davon überzeugen, daß ich dir das Höchste auf Erden bin, das Einzige, mehr als alles andere — aber du kannst nicht. Ich fühle ja, daß du zu deiner Arbeit, deinen Freunden mehr gehörst als zu mir, während du dich unter den Menschen fremd fühlst, die mir nahestehen —.“

„Ich fühle mich deinem Vater gegenüber nicht so fremd,“ flüsterte Jenny unter Tränen.

„Nein. Aber Vater und ich sind uns fremd. Jenny — da ist deine Arbeit, in der ich niemals ganz eins mit dir werden kann. Ich weiß jetzt, daß ich auch darauf eifersüchtig bin. Jenny, verstehst du nicht, ich bin ja ihr Sohn. Fühle ich nicht sicher, daß ich für dich alles auf der Welt bedeute, so muß ich eifersüchtig sein, fürchten, daß eines Tages einer kommt, den du ganz lieben wirst, der dich besser versteht —. Ich bin von Natur eifersüchtig —.“

„Du darfst es nicht sein, Helge. Dann zerbricht alles. Ich dulde kein Mißtrauen gegen mich. Hörst du — ich kann leichter verzeihen, wenn du mich betrügst, als wenn du an mir zweifelst —.“

„Das könnte ich nicht.“ Er lachte gequält.

Jenny strich sich das Haar aus der Stirn und trocknete die Augen:

„Helge. Wir haben uns doch gern. Wenn wir alles um uns her verließen und wenn wir beide den Willen hätten, alles gutzumachen. Wenn zwei Menschen einander gut sein und einander glücklich machen wollen —.“

„Ich habe zu viel gesehen. Ich wage nicht auf meinen und deinen Willen zu bauen. Da sind andere, die auch auf den guten Willen gehofft haben. Ich habe gesehen, wie zwei Menschen einander das Leben zur Hölle machen können. — Du sollst mir auf das antworten, was ich dich fragte. Liebst du mich? Willst du mein sein — wie in Rom? Darf ich heute Nacht bei dir bleiben? Ist das dein Wunsch, der höchste, den du hast?“