Jenny warf den Kopf zurück:
„Natürlich bin ich Helge gut.“ Ihre Stimme bebte leise: „Man hört doch nicht ohne weiteres auf, einen Menschen gern zu haben, den man geliebt hat. Es ist einem doch nicht gleichgültig, ob man einem anderen wehetut —.“
Gram antwortete nicht gleich. Er setzte sich aufs Sofa, drehte seinen Hut zwischen den Händen und betrachtete ihn:
„Ich verstehe ja, daß es schmerzlich und schlimm für euch beide ist. Aber Jenny — wenn du es dir überlegst — glaubst du nicht selbst, daß es das Beste für euch ist —?“
Sie entgegnete nichts.
„Wie innig froh ich war, Jenny, als ich dich traf und sah, wie die Frau war, die mein Sohn erwählt hatte — das kann ich dir nicht beschreiben. Es schien mir, als sollte mein Junge alles das besitzen, worauf ich in meinem Leben hatte verzichten müssen. Du warst so schön und fein, ich hatte den Eindruck, als seiest du ebenso gut, wie du klug, stark und selbständig warst; und dann warst du eine begabte Künstlerin, die weder an Ziel noch Mitteln zweifelte. Du sprachst froh und warm von deiner Arbeit, und froh und warm von deinem Freunde ... Dann kam Helge heim. Da fand ich, daß du dich verändertest — merkwürdig schnell. Die peinlichen Vorkommnisse, die in meinem Hause nun einmal an der Tagesordnung sind, machten also einen zu starken Eindruck auf dich. Ich dachte, es sei unmöglich, daß Dinge wie eine — unbehagliche, zukünftige Schwiegermutter einem jungen liebenden Weib vollständig das Glück verbittern könnten. Ich begann zu fürchten, daß tiefere Mißverhältnisse, die du jetzt nach und nach entdecktest, Schuld wären. Daß du vielleicht sahest, daß deine Liebe zu Helge nicht so felsenfest war, wie du geglaubt. Daß dir klar wurde, daß ihr im Grunde nicht zusammen paßtet, wie du natürlich angenommen hattest. Daß mehr eine Augenblicksstimmung euch zusammengeführt hatte —. Dort unten, ihr Beide allein, losgelöst von jedem alltäglichen, heimlichen Band, allein in der neuen Umgebung, Beide jung und frei, glücklich durch die Arbeit und wohl Beide mit der Liebessehnsucht der Jugend im Herzen — sollte all das nicht vorübergehende Sympathie und Verständnis erwecken können, selbst wenn diese Sympathie, dieses Verständnis nicht in die tiefsten Winkel eurer beider Seelen gedrungen war?“
Jenny stand drüben am Fenster und blickte zu ihm hinüber. Sie empfand einen seltsam heftigen Unwillen, als er sprach. Herrgott, vielleicht hatte er Recht. Aber er verstand ja gar nicht, was ihr eigentlich das Herz so schwer machte, während er ihr alles so klar auseinandersetzte:
„Das ändert nichts an der Sache — selbst, wenn etwas an dem ist, was du sagst. Möglich, daß du Recht hast —.“
„Es ist jedenfalls besser, Jenny, daß ihr es jetzt eingesehen habt. Besser, als wenn es später gekommen wäre, wenn die Bande fester geknüpft waren und es schmerzlicher gewesen wäre, sie zu lösen —.“
„Das ist es ja nicht, ach, das ist es ja gar nicht!“ Sie unterbrach ihn plötzlich heftig. „Ich — ich verachte mich selbst. Man gibt einer solchen lächerlichen Stimmung nach, lügt sie herbei. Man soll wissen, daß man, ehe man sagt, man liebt, für sein Wort einstehen kann. Eine solche Leichtfertigkeit habe ich immer am allermeisten verachtet. Nun sitze ich selbst in der Schande.“