Gram blickte plötzlich scharf zu ihr hinüber. Er wurde bleich — und dann glühend rot. Nach einer Weile sagte er mühsam:

„Ich sagte, es sei das Beste, daß, wenn zwei Menschen nicht zueinander passen, sie es entdecken, ehe das Verhältnis so tief in ihr Leben eingegriffen hat, daß Beide — und besonders sie — nie wieder die Spuren auslöschen können. Ist es zu spät, so muß man eher versuchen, ob man nicht — mit ein wenig Resignation und viel gutem Willen von beiden Seiten — eine Harmonie zuwege bringen kann. Erweist sich das als eine Unmöglichkeit, so kann man ja noch immer —. Ich weiß ja nicht, ob du und Helge ... wie tief es gegangen ist —.“

Jenny lachte spöttisch:

„Ah, ich verstehe, was du meinst. Für mich ist es ebenso bindend, daß ich Helge habe angehören wollen — mein Wort gegeben habe und es nun nicht halten kann. Ebenso demütigend — vielleicht mehr als wenn ich wirklich sein gewesen wäre —.“

„Du wirst das nicht sagen, wenn du einmal einem Manne begegnest, den du mit großer, wahrer Liebe lieben kannst,“ sagte Gram leise.

Jenny zuckte mit den Schultern:

„Glaubst du übrigens an die große und wahre Liebe, von der du da sprichst?“

„Ja, Jenny.“ Gram lächelte schwach. „— Ich weiß, der Ausdruck kommt euch jungen Menschen heutzutage komisch vor. Ich glaube indessen an sie — aus guten Gründen.“

„Ich glaube, eines jeden Menschen Liebe ist wie er selbst. Wer großzügig veranlagt ist und wahrhaftig gegen sich selbst, wirft sich nicht in kleinen Liebeleien fort. Ich dachte, ich selber ... Aber ich war achtundzwanzig Jahre alt, als ich Helge traf, und ich hatte nie geliebt. Dessen war ich überdrüssig und wollte es gern versuchen. Er war verliebt, warm und jung, aufrichtig, und das lockte mich. So log ich denn mir selber etwas vor, genau wie all die anderen Frauenzimmer — seine Wärme ging auf mich über, und ich bildete mir schleunigst ein, ich sei warm. Obwohl ich wußte, daß man diese Illusion nicht lange aufrecht erhalten kann, jedenfalls nur solange, als von dieser Liebe nicht etwas verlangt wird. Andere Frauen begehen dergleichen in aller Harmlosigkeit, weil sie zwischen Gut und Böse nicht unterscheiden können und sich immer etwas vorlügen — so etwas kann ich aber zu meiner Entschuldigung nicht anführen —. Ich bin also in Wirklichkeit ebenso klein und egoistisch und verlogen wie die anderen. Daher kannst du sicher sein, Gert, daß ich schwerlich deine große und wahrhafte Liebe kennen lernen werde —.“

„Jenny,“ und wieder lächelte Gert sein melancholisches Lächeln, „ich, siehst du, — Gott weiß, ich bin weder groß noch stark, in Lüge und Schlechtigkeit hatte ich zwölf Jahre lang gelebt, und ich war zehn Jahre älter als du jetzt bist — ich sah da eine, die mich an dies Gefühl, von dem du jetzt so höhnisch sprichst, glauben lehrte — so fest, daß ich niemals daran zweifeln werde.“