IX.

Gunnar Heggen und Jenny Winge wollten im November zusammen eine Ausstellung veranstalten. Aus diesem Anlaß kam er nach Kristiania. Den Sommer hatte er in Smaalene zugebracht, roten Granit, grüne Zweige und blauen Himmel gemalt. Später war er nach Stockholm gefahren, wo er ein Bild verkaufte.

„Wie geht es Cesca?“ fragte Jenny, als sie an einem Vormittag in ihrem Atelier bei einem Glase Whisky saßen.

„Ja — Cesca ...“ Gunnar trank einen Schluck aus seinem Glase, rauchte und blickte Jenny an und Jenny ihn.

Es war so traulich, wieder mit ihm zusammen zu sitzen und von Menschen und Dingen zu sprechen, von denen sie sich so weit entfernt hatte. Ihr war, als habe sie ihn und Cesca einst weit, weit fort von hier in einem Lande am Ende der Welt getroffen, dort mit ihnen gearbeitet, mit ihnen zusammen gelebt und die Freude gesucht.

Sie betrachtete das offene, sonnenverbrannte Gesicht vor ihr mit der schiefen Nase. Er hatte einmal als Kind einen Schlag darüber bekommen. „Und das hat Gunnars Physiognomie gerettet,“ pflegte Cesca zu sagen, „sonst wäre er der schrecklichste Typ eines schönen Mannes geworden.“ Das war damals in Viterbo gewesen.

Im Grunde hatte sie Recht. Zug um Zug besehen war er eigentlich eine richtige Bauernburschenschönheit mit seiner niedrigen, breiten Stirn unter dem braungelockten Haarschopf, mit den großen stahlblauen Augen und dem roten, vollen Munde mit der blanken Reihe weißer Zähne. Bis herab zum runden starken Hals hatte die Sonne ihn verbrannt und seine breite, eher gedrungene Gestalt wirkte fast brutal in ihrer gesunden, muskulösen Schönheit. Im Gegensatz hierzu stand der merkwürdig unschuldige, unberührte Ausdruck, der über dem sinnlichen Mund und den vollen Augenlidern lag und das unendlich feine Lächeln, das mitunter seine Lippen umspielte. Er hatte ein Paar richtige Arbeiterhände mit dicken Sehnen und groben Gelenken an den kurzen Fingern; aber er konnte sie auf eigene, lebhaft anmutige Art bewegen.

Etwas magerer war er geworden, sah aber sonst gesund und wohl aus, während sie sich so müde und unbefriedigt fühlte. Er hatte den ganzen Sommer hindurch gearbeitet, daneben griechische Tragödien, Keats und Shelley gelesen.

„Ich habe aber Lust, die Tragödien in der Ursprache zu lesen,“ sagte Gunnar. „Ich muß also jetzt Griechisch und Latein lernen.“

„Herrgott!“ sagte Jenny. „Ich fürchte, du wirst soviel zu lernen haben, ehe deine Seele Ruhe findet, daß dir schließlich keine Zeit mehr zum Malen bleibt, außer nach Feierabend.“