„Doch, Jenny, ich muß es lernen. Ich will nämlich einige Artikel schreiben.“

„Du auch? Willst du jetzt auch Artikel schreiben?“ Sie lachte.

„Ja, eine ganze Reihe über verschiedene Gegenstände. Unter anderem will ich anregen, daß wir wieder Griechisch und Latein in den Schulen einführen, wir müssen jetzt unbedingt etwas Kultur hier unter die Leute bringen.“

„Teufel!“ sagte Jenny.

„Ja, allerdings Teufel! Es kann nämlich so nicht weiter gehen. Zum nationalen Symbol wird ein rosenrot gefärbter Grütztopf mit einigen eingeritzten Schnörkeln erhoben, was dann eine ungeschickte Nachahmung der armseligsten aller europäischen Stilarten, des Rokoko, vorstellen soll. So sieht nämlich der Nationalismus hier oben aus. Du weißt selbst, den größten Eindruck macht es hierzulande, wenn ein Künstler oder gewöhnlicher Sterblicher mit der Schule oder Tradition bricht, wenn er die Uebernahme der Volkssitte und der Begriffe, die gewöhnliche zivilisierte Menschen von geziemender Lebensweise und Anständigkeit haben, verweigert. Ich habe nun einmal die Absicht, meinen Landsleuten zu erzählen, daß es unter den Verhältnissen, wie sie hier herrschen, eigentlich notwendiger wäre, wenn man versuchte, Verbindungen anzuknüpfen, einiges von den aufgehäuften Schätzen, die man im weiten Europa mit Kultur bezeichnet, sich anzueignen, zu erbeuten und in die heimatliche Höhle zu schleppen. Sie aber brechen ein kleines Glied aus dem Zusammenhang heraus, siehst du, ein einzelnes Ornament aus einem Stil, rein buchstäblich gesprochen, — dasselbe gilt auch für eine Geistesrichtung — schnitzen und klopfen daran herum, und zwar so ungeschickt und häßlich, bis es zuletzt unkenntlich geworden ist, und dann behaupten sie großspurig, es sei original und norwegisches Nationalpatent.“

„Nun ja. Aber diese Sünden beging man auch zu jener Zeit, als die klassische Bildung offizielle Grundlage für die ganze Bildung in unserem Lande war.“

„Ja, gewiß. Hier kannte man jedoch nur einen ganz kleinen Teil des Klassizismus. Ein Bruchstück. Ein wenig lateinische Grammatik wurde gepflegt. Nie hing bei uns ein Bild von dem, was man den klassischen Geist nennt, unter den Gemälden unserer hochehrwürdigen Vorväter. Solange das aber nicht der Fall ist, stehen wir außerhalb Europas. Solange wir nicht in der Historie der Griechen und Römer die älteste Geschichte unserer eigenen Kultur erkennen, haben wir auch keine europäische Kultur. Es kommt ja nicht darauf an, wie diese Geschichte in der Wirklichkeit aussah, sondern nur darauf, wie sie uns überliefert worden ist. Nehmen wir als Beispiel die Kriege zwischen Sparta und Messene: In Wirklichkeit handelte es sich nur um einige halbwilde Hirtenstämme, die sich in grauer Vorzeit bekämpften. Aber in der Ueberlieferung, wie sie uns überbracht ist, waren diese Kriege der klassische Ausdruck des Triebes eines gesunden Volkes, lieber bis zum letzten Mann unterzugehen als Gewalt an seiner Individualität und seinem Recht der Selbständigkeit zu dulden. Herr im Himmel, wir haben für unsere Ehre seit Jahrhunderten nicht mehr gekämpft, sondern statt dessen den Wanst mit einigen Millionen Sandkuchen und ganzen Ladungen von Grütze vollgepfropft. Zum Beispiel die Perserkriege: sie waren eigentlich ganz unbedeutend, doch für ein lebensfähiges Volk bedeuten Salamis, Thermopylae und Akropolis die Blüte aller ältesten und gesündesten Instinkte. Die Worte fahren fort zu leuchten, solange diese Instinkte Wert haben und solange ein Volk glaubt, seine Fähigkeiten behaupten zu müssen und auf seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft stolz sein zu dürfen. Und solange kann ein Dichter ein lebendiges Werk über Thermopylae schreiben und es mit seinen eigenen lebendigen Gefühlen erfüllen. Erinnerst du dich an Leopardis Ode auf Italien — ich las sie dir einmal in Rom vor?“

Jenny nickte.

„Etwas Rhetorik ist zwar dabei — aber bei Gott, sie ist herrlich! Nicht wahr? Er erzählt von Italia, der schönsten Frau, die gefesselt im Staube liegt, mit aufgelöstem Haar, und in ihren Schoß weint. Und dann wünscht er sich, einer der jungen Griechen zu sein, die in Thermopylae dem Tod entgegenschritten, unerschrocken, freudig, als ginge es zum Tanz. Ihre Namen sind geheiligt und Simonides singt sterbend Jubelgesänge vom Gipfel des Antelos. Dann gibt es all die alten, herrlichen Erzählungen, die wie Symbole und Parabeln wirken und niemals alt werden. Denk nur an Orpheus und Eurydike — wie einfach: den Glauben der Liebe schreckt selbst nicht der Tod — aber der Zweifel eines kurzen Augenblicks, und alles ist verloren. Hierzulande kennt man aber nur eine Operette darüber!

Engländer und Franzosen haben es verstanden, die alten Symbole für ihre neue, lebende Kunst zu verwenden. Dort draußen wurden in den glücklichen Zeiten doch noch Menschen geboren, deren Triebe und Gefühle so kultiviert waren, daß sie stark genug wurden, um uns der Atriden Schicksal verständlich zu machen, so daß es uns packte, als erlebten wir es in der Wirklichkeit. Auch die Schweden haben noch lebendige Verbindung mit dem Klassizismus. — Wir haben ihn nie gekannt. Was sind es dagegen für Bücher, die hier gelesen werden und — auch geschrieben? Sonnenstrahlerzählungen von geschlechtslosen Maskeradefiguren in Empiregewändern — dänische Schmutzbücher, die einen Mann über sechzehn nicht interessieren können. Oder ein grüner Bengel ereifert sich über das Mystische, Ewigweibliche eines kleinen Laufmädels, das naseweis ist und ihn betrügt, weil er nicht genügend gesunden Menschenverstand besitzt, um zu erkennen, daß der ganze Rebus zumeist mit dem spanischen Röhrchen zu lösen ist.“