„Ja gewiß. Aber es konnte sich ja um diese oder jene Pointe handeln, die sie bisher verschwiegen hatte, jetzt aber vielleicht meinte, ihm beichten zu müssen.“
„Pfui, Gunnar!“ sagte Jenny.
„Ja, zum Teufel auch — man weiß niemals, was man von Cesca eigentlich halten soll. Ihre Schilderung der Freundschaft mit Hans Hermann ist seltsam genug. Cesca hat vielleicht nichts getan, was man sozusagen unmoralisch nennt, dessen bin ich sicher. Ich begreife zum Kuckuck auch nicht, was das einem Manne ausmachen kann, ob seine Frau früher ein Verhältnis oder auch mehrere gehabt hat, wenn sie dabei nur rechtschaffen und loyal gehandelt hat. Denn diese Forderung nach physischer Unberührtheit ist ja im Grunde gemein. Hat eine Frau wirklich einen Mann geliebt und seine Liebe hingenommen, so ist es nichtswürdig, sich aus diesem Verhältnis zurückzuziehen, ohne ihm das Höchste haben opfern zu wollen. Natürlich wäre es mir am liebsten, daß meine dereinstige Frau keinen vor mir geliebt hätte. Und man weiß ja auch nicht, wie man bei seiner eigenen Frau urteilt. Es könnte ja sein, daß alte Vorurteile, egoistische Eitelkeit und dergleichen plötzlich auftauchen ...“
Jenny machte eine Bewegung, als wollte sie etwas sagen, schwieg dann aber.
Gunnar war am Fenster stehen geblieben. Er hatte die Hände in den Hosentaschen vergraben und wandte ihr den Rücken zu:
„Nein, Jenny. Ich will dir sagen, was ich so traurig finde. Man trifft ganz selten einmal auf eine Frau, die wirklich in dieser oder jener Richtung Talente hat und Freude daran, sie zu entwickeln, zu arbeiten. Eine Frau, die Energie besitzt, die fühlt, daß sie ein Mensch ist und selbständig über Recht und Unrecht nachdenken kann. Sie hat vielleicht den Willen, ihre Fähigkeiten, soweit es sich lohnt, zu kultivieren, ihre guten und wertvollen Instinkte zu pflegen, und andere, die ihr schlecht und unwürdig erscheinen, zu unterdrücken. Und dann begegnet sie eines schönen Tages einem Manne. Da heißt es denn: Ade Arbeit und Entwicklung, und es ist vorbei mit der ganzen Herrlichkeit. Sie gibt ihr Selbst auf eines elenden Mannes wegen. Jenny — findest du das nicht auch traurig —?“
„Gewiß. Aber so sind wir nun einmal alle geschaffen!“
„Ich begreife euch nicht. Weißt du, warum ich glaube, daß wir Männer euch nie verstehen werden? Zu guterletzt geht es uns nicht in den Kopf, daß Wesen, die doch Menschen sein wollen, so vollständig jeglichen Selbstgefühls ledig sind. Und das ist bei euch der Fall. Die Frau hat keine Seele — wahrhaftig! Ihr gesteht ja mehr oder weniger offen ein, daß Liebesgeschichten das Einzige sind, das euch interessiert.“
„Es gibt aber auch Männer, bei denen dasselbe zutrifft; jedenfalls läßt ihr Lebenswandel darauf schließen.“
„Ja gewiß, aber ein vernünftiger Mann hat auch keinen Respekt vor solchen Schürzenjägern. Offiziell soll es doch nur als eine Art — nun sagen wir natürlichen Zeitvertreibs aufgefaßt werden, neben unserer Arbeit. Oder ein tüchtiger Mann will eine Familie gründen, weil er die Kraft in sich fühlt, für mehrere Menschen zu sorgen, als für sich allein, und einen Nachfolger für seine Arbeit haben will.“