„Vielleicht war mein Herz nicht älter als das deine, du. Ich fand jedenfalls, daß ich noch keine Jugend gehabt hatte, und ich hoffte trotzdem tief im Innern, daß sie einmal, ein einziges Mal, mich streifen würde — die Jugend. Doch war mein Haar inzwischen weiß geworden.“
Jenny schüttelte den Kopf. Sie erhob ihre Hand und legte sie auf seinen Scheitel.
„Ist mein Kleines müde? Soll ich dir die Schuhe ausziehen? Willst du dich hinlegen und ausruhen?“
„Nein. Ich will so liegen. Es tut so gut.“
Sie zog die Beine hoch und schmiegte sich in seinem Schoß. Gert legte den Arm um sie. Mit der freien Hand schenkte er Wein ein und hielt ihr das Glas an den Mund. Sie trank begierig. Dann reichte er ihr Kirschen, nahm die Steine von ihren Lippen und legte sie auf den Teller.
„Du, ich will bei dir bleiben. Ich schicke einen Boten nach Hause und lasse sagen, daß ich Heggen getroffen habe. Er ist sicher in der Stadt. Aber ich muß nach Hause, ehe die letzte Straßenbahn fährt. — Leider.“
„Ich werde für dich gehen.“ Er ließ sie auf das Sofa niedergleiten. „Du sollst liegen und dich ausruhen. Oh, mein Kind!“
Als er gegangen, knöpfte sie die Schuhe auf und schob sie von sich. Sie trank noch etwas von dem Wein. Dann kroch sie ganz auf das Sofa hinauf, bohrte den Kopf tief in die Kissen und zog die Decke über sich. —
Sie liebte ihn ja doch. Sie wollte bei ihm sein. Wenn sie so sitzen, sich ganz zusammenrollen und in seinen Armen ruhen durfte, dann war ihr wohl. Er war ja der einzige Mensch auf der Welt, der sie auf den Schoß genommen und sie gewärmt, der sie geborgen und kleines Mädchen genannt hatte. Ja, er war der Einzige, der ihr wirklich nahe gestanden. Darum wurde sie sein.
Wenn er sie nur bei sich halten und sie schützen wollte, so daß sie nichts sah, sondern nur fühlte, daß er sie umschlungen hielt und wärmte. Dann ging es ihr gut. O nein, sie durfte ihn wohl nicht verlieren. Und so mußte sie ihm denn das Wenige geben, das sie besaß, wenn sie von ihm erhielt, was sie nicht entbehren konnte.