Er durfte sie küssen, mit ihr tun, was er wollte. Wenn er nur nicht sprach. Denn dann entfernten sie sich so weit von einander. Er sprach von Liebe, aber ihre Liebe war nicht, wie er glaubte. Sie konnte es aber nicht mit Worten erklären; sie klammerte sich nur an ihn — und das war keine Gnade, kein fürstliches Geschenk. Es war nur eine kleine, bettelnde Liebe, für die er nicht danken durfte, er sollte sie nur liebhaben und kein Wort sagen.

Als er wieder heraufkam, öffnete sie weit die Augen. Sie schloß sie aber wieder unter seinen stillen, ehrfürchtigen Liebkosungen und lächelte leise. Dann schlang sie die Arme um seinen Körper und klammerte sich an ihn. Das schwache Veilchenparfüm, das er an sich hatte, duftete so mild und frisch. Und sie nickte still, als er sie fragend aufhob. Er wollte sprechen, aber sie legte erst die Hand auf seinen Mund und küßte ihn dann, so daß er nichts sagen konnte, während er sie behutsam in das Nebenzimmer trug.

Gert begleitete sie zur Straßenbahn. Einen Augenblick blieb sie draußen auf der Plattform stehen und sah ihm nach, wie er drüben auf der Straße in der blauen Maiennacht verschwand. Dann setzte sie sich hinein.

Gram hatte seine Frau um die Weihnachtszeit verlassen. Er wohnte jetzt allein in der Stenerstraße. Außer dem Büro hatte er noch ein Zimmer. Jenny wußte, daß er daran dachte, eine Scheidung herbeizuführen, wenn einige Zeit hingegangen und Rebekka Gram eingesehen hätte, daß er nicht zurückkehren würde. Es entsprach seiner Natur, so vorzugehen, mit einemmale einen Bruch herbeizuführen, das vermochte er nicht.

Was er eigentlich weiter von der Zukunft erwartete, wagte sie sich nicht vorzustellen. Meinte er wohl, daß sie ihn heiraten würde?

Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie nicht eine Sekunde die Absicht gehabt hatte, sich für immer an ihn zu binden. Darum aber empfand sie dies alles wie eine bittere, hoffnungslose Demütigung, wie eine Schande, sobald sie nicht bei ihm war und sich mit seiner Liebe betäuben konnte. Sie hatte ihn betrogen, die ganze Zeit über hatte sie ihn betrogen.

„Das ist es ja eben, Jenny, daß du mich so lieben lerntest, was ich eine unbegreifliche Gnade nenne.“

Was konnte sie dafür, daß er es mit diesen Augen ansah?

Er hätte sie nicht zu seiner Geliebten gemacht, wenn sie selbst es nicht gewollt, wenn sie ihn nicht hätte fühlen lassen, daß sie es wollte. Aber, o Gott! Sie fühlte doch, daß er sich danach sehnte, es quälte sie, bei jedem Zusammensein sich begehrt zu wissen und zu sehen, wie er kämpfte, um zu verbergen, was er viel zu stolz war zu zeigen. Ja, sie hatte gesehen, daß er stolz war, zu stolz, um dort zu bitten, wo er einstmals nur seine Hilfe geboten. Vielleicht auch zu stolz, um sich einer Abweisung auszusetzen. Und da sie wußte, daß sie seine Liebe nicht von sich weisen, nicht den einzigen Menschen hergeben konnte, der sie liebte. Konnte sie wohl anders handeln, anders ehrenhaft bleiben, als daß sie ihm bot, was sie besaß und auf diese Weise zu vergelten suchte, was er mit seinem Reichtum an Liebe, die sie nicht missen konnte, an ihr tat.

Aber dann kam hinzu, daß sie Worte hatte aussprechen müssen, stärker und heißer als ihre Gefühle. Er aber hatte ihr geglaubt und sie bei ihrem Wort genommen.