Es geschah wieder und wieder. Kam sie zu ihm, freudlos, mutlos, müde vom Grübeln darüber, wie das enden solle, und sie sah, daß er es spürte, dann sagte sie ihm wieder warme Worte und heuchelte viel Stärkeres als sie fühlte. Und er glaubte ihr.
Er wußte von keiner anderen Liebe als derjenigen, deren Wesen das Glück ist. Unglück in der Liebe, das kam von außen her, von der Tücke des Schicksals oder von einer grausamen Gerechtigkeit, die alles Unrecht strafte. Sie wußte, was er fürchtete: daß ihre Liebe eines Tages hinsterben könnte, wenn sie sähe, daß er zu alt sei, um ihr Geliebter zu sein. Aber niemals hatte er ahnen können, daß ihre Liebe krank geboren war, mit dem Todeskeim in sich.
Es würde nichts nützen, ihm das zu erklären. Er würde es nicht verstehen: daß sie Zuflucht in seinen Armen gesucht, weil er der Einzige war, der sie ihr geboten hatte. Sie war so todeinsam gewesen. Als er ihr Liebe und Wärme bot, vermochte sie nicht, dies von sich zu stoßen. Obgleich sie hätte wissen müssen, daß sie es nicht annehmen durfte — sie war dieser Liebe nicht würdig. Nein, er war nicht alt. Die Leidenschaft eines Zwanzigjährigen, der kindliche Glaube und die andächtige Anbetung, eines reifen Mannes Wärme und Güte, all die Liebe, die ein Mannesleben fassen konnte, flammten jetzt an der Grenze des Alters noch einmal auf. Sie hätten einer Frau zuteil werden sollen, die mit einem gleichen Gefühl vergelten, die in den kurzen verbleibenden Jahren ihres Zusammenseins ihn das ganze Dasein, das er herbeigesehnt, wovon er geträumt und das er erhofft, durchleben lassen könnte, so daß sie durch tausend glückliche Erinnerungen an seine Seite gekettet wäre, wenn das Alter käme — in getreuer Liebe als seiner Jugend und seines Mannestums Gefährtin bei ihm ausharrend und nun auch mit ihm alternd. Aber sie —. Wenn sie auch versuchen wollte, zu bleiben, was konnte sie ihm geben, wenngleich sie wollte? Nie hatte sie ihm je etwas darbieten können — sie hatte nur genommen. Es nützte ihr nichts, daß sie versuchte zu bleiben, auf die Dauer konnte sie ihn nicht täuschen und zu dem Glauben zwingen, daß ihre Lebenssehnsucht durch diese erste Liebe für immer gestillt sei.
Er würde sagen, sie solle gehen. Sie habe geliebt und gegeben, jetzt liebe sie aber nicht mehr und solle wieder frei sein. So würde es in seinen Augen aussehen; nie würde er begreifen, daß sie deshalb trauerte, weil sie nichts, nichts, nichts hatte geben können.
Ah, er peinigte sie, wenn er von ihren Gaben sprach. Ja, sie war Mädchen, als sie sein wurde. Er betonte es, als wenn es ihm ein Maßstab dafür sei, wie unendlich tief und stark ihre Liebe wäre. Hatte sie ihm doch die Reinheit ihrer Jugend geschenkt.
Die Unberührtheit ihrer neunundzwanzig Jahre. O ja, sie hatte sie wie ein weißes Brautgewand gehütet, das sie nicht angetastet und nicht befleckt hatte. In Sehnsucht und Angst, daß sie es niemals tragen würde, in Verzweiflung über ihre eisige Einsamkeit, über ihr Unvermögen in der Liebe, hatte sie sich daran geklammert, es zerknittert und mit ihren Gedanken befleckt. — War die nicht reiner, die das Leben der Liebe gelebt, als sie, die nur gegrübelt, gespäht und sich gesehnt hatte, bis alle Kräfte von dieser Sehnsucht gelähmt waren?
Als sie dann sein geworden — wie wenig Eindruck hatte es auf sie gemacht. Sie war nicht völlig kalt gewesen. Mitunter hatte seine Liebe sie hingerissen. Aber sie heuchelte Glut und war nur lau. War sie nicht bei ihm, so dachte sie kaum daran, sie spiegelte ihm eine erlogene Sehnsucht vor, um ihn zu erfreuen. Ja, sie heuchelte und heuchelte seiner ehrlichen Leidenschaft gegenüber.
Und doch, es hatte eine Zeit gegeben, wo sie nicht nur geheuchelt hatte — oder, belog sie Gert, so belog sie auch sich selber. Sie hatte einen Sturm in sich gefühlt, es war wohl Mitleid mit ihm und seinem Geschick und Auflehnung gegen ihr eigenes, weshalb sie Beide, jeder auf seine Art, im Verlangen nach etwas Unmöglichem sich zerrissen, und dazu kam noch die grauenhafte Angst, wohin das alles führen solle. Damals hatte sie gejubelt, daß sie ihn liebte. Sie hatte sich ja in dieses Mannes Arme stürzen müssen, so wahnsinnig es auch war.
An jenem Abend hatte sie in der Straßenbahn gesessen und, auf all die schläfrigen, ruhigen Bürger blickend, triumphiert. Sie kam von ihrem Geliebten, um sie und ihn lag das Unwetter des Schicksals, sie hatte da hinaus müssen und wußte nicht, wohin es sie treiben würde. Sie war stolz auf ihr Geschick gewesen, weil Unglück und Finsternis drohten.
Jetzt aber sehnte sie sich nur nach einem Ende. Machte Pläne für eine Auslandsreise, Flucht vor alledem. Sie hatte Cescas Einladung, nach Tegneby zu kommen, angenommen, um den Bruch vorzubereiten.