Mädchenträume der Liebe hatten auch sie geträumt. Doch jetzt belächelten sie diese überlegen. Es war ihnen eine Genugtuung denen gegenüber, die jetzt so träumten, festzustellen, wie ganz anders die Wirklichkeit doch war. Sie waren stolz darauf, zu den Eingeweihten zu gehören, welche wußten, wie die Wirklichkeit aussah. Vielleicht waren sie sogar zufrieden.
Glücklich dennoch, wer unzufrieden. Glücklich, wer nicht abdankte und sich damit begnügte, daß das Leben ihm ein Armeleutedasein bot. Wer trotzdem sagte, ich glaube meinen Träumen, kein anderes Glück gibt es für mich außer dem, das ich begehrte. Ich glaube doch, dies Glück gibt es. Zeigt es sich mir nicht, so trage ich eben Schuld daran, ich war dann eine schlechte Jungfrau, die nicht imstande war, zu wachen und des Bräutigams zu harren. Doch die klugen Jungfrauen werden ihn schauen, sie werden in seinem Haus Einzug halten zum Tanz —.
In dem Schlafzimmer der Mutter brannte Licht, als Jenny nach Hause kam. Sie ging hinein und mußte von der Gesellschaft auf Ahlströms Atelier erzählen und wie es Heggen ging.
Ingeborg und Bodil schliefen hinten im Halbdunkel, die schwarzen Flechten hingen über die Kissen herab.
Es rührte Jenny nicht im geringsten, dastehen und der Mutter etwas vorlügen zu müssen. Sie hatte es immer getan, seit sie als Schulmädchen in munterem Tone von den Kindergesellschaften berichten mußte, auf denen sie einsam dagesessen und der Anderen Tanz zugeschaut hatte, unglücklich und verlassen, ein kleines Mädchen, das nicht mittanzen konnte und nichts sagte, was den Jungen Vergnügen machte.
Wenn Ingeborg und Bodil vom Balle kamen, saß die Mutter aufrecht im Bett, fragte und hörte zu und lachte, vom Lampenlicht mit jugendlicher Röte übergossen. Sie konnten der Mama immer die Wahrheit sagen, denn die war munter und lachend. Vielleicht unterschlagen sie das eine oder andere kleine Erlebnis, das so lustig war, daß sie es für sich behalten wollten. Was tat das, ihr Lächeln war doch echt.
Jenny küßte die Mutter und wünschte ihr Gute Nacht. Im Wohnzimmer riß sie aus Versehen eine Photographie herunter. Sie hob sie auf und wußte im Dunkeln, wer es war. Sie stellte einen Bruder von Jennys rechtem Vater dar, mit seiner Frau und seinen Töchtern. Er hatte in Amerika gelebt, so daß sie ihn nie zu Gesicht bekamen. Jetzt war er tot, und niemand dachte mehr an das Bild. Sie wischte dort jeden Tag Staub und sah es gar nicht, es war wie jeder andere Nippesgegenstand.
Als sie in ihrem Kämmerchen war, begann sie ihr Haar zu lösen.
Sie hatte ja immer ihrer Mutter etwas vorgelogen. Wie hätte sie ihr gegenüber denn ehrlich sein können, ohne ihr Kummer zu bereiten? Und wozu sollte sie es auch —?
Niemals würde die Mutter sie verstanden haben. Bei ihr hatten Glück und Trauer sich abgelöst, seit sie ganz jung war. — So war sie mit Jennys Vater glücklich gewesen und weinte über seinen Tod. Dann hatte sie mit dem Kinde allein fortgelebt und war zufrieden gewesen. Als sie Nils Berner traf, hatte er ihr Dasein mit neuem Glück und neuem Elend erfüllt. Und wieder lebte sie weiter in den Kindern. Die Kinder bedeuteten das Glück des Mutterseins, das greifbare Ausgefülltsein einer Leere, ein Glück, das mit tatsächlichen Leiden erkauft, das allzu körperlich, klein und warm in ihrem Arme gelegen hatte, um angezweifelt zu werden. Ja, sein Kind zu lieben, das mußte wohl tun. Diese Liebe war so natürlich, daß man darüber nicht zu grübeln brauchte. Eine Mutter zweifelte nicht daran, daß sie ihr Kind liebte, daß sie sein Bestes im Auge hatte, und zu seinem Wohle handelte, auch nicht daran, daß das Kind sie wiederliebte. So groß aber ist die Gnade der Natur gegen die Mütter, daß der Kinder innerster Instinkt es nicht zuläßt, die bittersten und unheilbarsten Sorgen zur Mutter zu tragen. Sie erfahren von nicht viel Anderem als von Krankheit und Geldsorgen. Niemals von dem Unwiederbringlichen — der Schande, der Niederlage im Leben — und wenn das Kind wimmerte vor Leid — eine Mutter glaubt nicht, daß das Verlorene unersetzbar sei.