Nichts dürfte die Mutter von ihrem Kummer erfahren — die Natur selbst hatte dort eine Mauer errichtet. Niemals würde Rebekka Gram den zehnten Teil von dem erfahren, was ihr Kind um ihretwillen gelitten hatte. Wie hatte Frau Lund um ihren schönen Sohn geweint, als er verunglückte. Noch immer trauerte sie tief und wehmütig über ihren Jungen und träumte von der reichen Zukunft, der er entrissen worden. Seine Mutter war die Einzige, die nicht ahnte, daß er sich erschossen hatte, um nicht irrsinnig zu werden.

Die Mutterliebe stand auch keinem anderen Glück im Wege. Von dieser oder jener Mutter wußte sie, daß sie Liebhaber gehabt hatte und glaubte, die Kinder sähen es nicht. — Da gab es solche, die sich scheiden ließen und auf andere Art glücklich wurden. Nur, wenn die neue Liebe eine Enttäuschung war, so jammerten sie und waren reuig. Ihre Mutter hatte sie vergöttert, und doch hatte ihre Liebe für Berner Raum gehabt, sie war mit ihm glücklich gewesen. Gert hatte seine Kinder geliebt, und eines Vaters Liebe war wohl nachdenklicher, verstehender, weniger instinktiv, als die einer Mutter. Und doch hatte er in diesem Winter kaum an Helge gedacht.

II.

Jenny hatte drinnen beim Stationsvorsteher die Post geholt. Sie gab Franziska die Zeitungen und ihren Brief und öffnete ihren eigenen. Draußen auf dem Kiese des Bahnsteiges mitten im Sonnenbrand stehend, überflog sie Gerts langes Schreiben. Die liebevollen Worte am Anfang und am Schlusse las sie, während sie das Uebrige überging. Es waren nur lange allgemeine Betrachtungen über die Liebe.

Jenny steckte den Brief wieder in den Umschlag und legte ihn in ihre Handtasche. Oh, diese Briefe von Gert — sie war fast nicht imstande, sie zu lesen. Die Worte allein zeigten ihr, daß sie sich doch nicht verstanden. Sie fühlte es, wenn sie miteinander sprachen; beim Schreiben trat es aber klar zutage.

Und dennoch war Wesensverwandtschaft zwischen ihnen. Warum konnten sie dann nicht harmonieren?

War er stärker oder schwächer als sie? Er hatte verloren und verloren, hatte resigniert und sich an allen Ecken und Kanten beugen müssen — und fuhr fort zu hoffen, fuhr fort zu leben und fuhr fort zu glauben. — War das Weichheit oder Lebenskraft? Sie verstand ihn nicht.

Vielleicht lag es doch am Altersunterschied. Er war nicht alt. Aber seine Jugend stammte aus einer anderen Zeit. Er gehörte zu eine Jugend, die jetzt ausgestorben war, einer Jugend mit gesünderem Glauben und mehr Naivität. Vielleicht war auch sie naiv — mit ihrem Glauben und ihren Zielen. Aber dann war es eine andere Art von Naivität. Die Worte wechseln im Laufe von zwanzig Jahren ihre Bedeutung, ob es letzten Endes das war?

Der Kies leuchtete rotviolett und die graugelbe Farbe an der Mauer des Stationsgebäudes platzte in der Sonnenhitze auf. Es dunkelte einen Augenblick vor ihren Augen, als sie vom Abhang in die Höhe blickte. Es war seltsam, aber sie vertrug die Hitze in diesem Jahre nicht gut.

Ueber das Kirchspiel hin zitterte der heiße Dunst von Heuwiesen und weißen Aeckern, ganz bis hinüber zum Waldrande, der sich schwarzgrün gegen den sommerlich blauen Himmel abhob. Die wenigen Laubbäume vor den Gehöften trugen bereits dunkle Kronen.