Aber als sie kurze Zeit mit geschlossenen Augen gelegen hatte, begann der Seegang von neuem, ebenso Schweiß und Uebelkeit. Es war erstaunlich, da sie doch jetzt völlig klar im Kopfe war. Trotzdem mußte sie noch einmal auf.
Im Augenblick, als sie zum Bett zurückging, blitzte ein Gedanke in ihr auf. —
Still. Sie legte sich hin und bohrte den Nacken ins Kopfkissen. Es war ja unmöglich. Sie wollte nicht daran denken. Aber sie konnte es nicht lassen und überlegte sich: Sie hatte sich die ganze letzte Zeit hindurch nicht wohl gefühlt.
Müde und zermürbt war sie natürlich. Zerquält und nervös. Deshalb hatte sie vielleicht nicht das winzige Bißchen gestern Abend vertragen können. Wahrhaftig, sie begriff, daß Menschen Abstinenzler wurden nach einigen solchen Nächten.
An das Andere wollte sie nicht denken. War es traurige Wirklichkeit, so erfuhr sie es noch zeitig genug. Nur sich nicht mit Beängstigungen plagen, ehe es notwendig war.
Jenny öffnete das Nachtkleid und strich sich über die Brüste.
Sie wollte schlafen. — Jetzt könnte sie natürlich nicht aufhören, an diesen Unsinn zu denken — ach. Sie war doch so müde.
In der ersten Zeit mußte sie natürlich immer daran denken, daß es wohl Folgen haben könnte und war einige Male ängstlich gewesen. Sie hatte aber ihre eigene Furcht beim Schopfe gepackt und sich gezwungen, sie in vernünftigem Lichte zu sehen — ja, wenn nun etwas geschähe? Zum großen Teil war es ja sinnloser Aberglaube, diese Furcht davor, ein Kind zu bekommen. Derartiges geschah eben häufig — wollte sie schlechter sein als alle die Arbeiterinnen, die sich allein mit dem Kind zurechtfanden? Der größte Teil des Schrecks stammte ja von der Zeit, als eine unverheiratete Frau in solchem Falle zum Vater oder zu Verwandten gehen und bekennen mußte, daß sie leichtsinnigen Vergnügungen nachgegangen war, und daß sie nun die Kosten bezahlen sollten — sogar mit der Aussicht, später niemals ihre Versorgung auf jemand anders abschieben zu können. So daß diese dann mit gutem Recht erbittert waren.
Aber niemand hatte das Recht, sich über sie zu erbittern. Schlimm war es natürlich der Mama wegen. Aber Herrgott, wenn ein erwachsener Mensch versuchte, sein Leben nach eigenem Gewissen zu leben, so hatten die Eltern zu schweigen. Sie hatte versucht, ihrer Mutter so viel zu helfen, wie es ihr möglich war, hatte sie nie mit Sorgen geplagt, niemals ihren Ruf einer leichtsinnigen Tat wegen aufs Spiel gesetzt — in Vergnügen oder Bummeln. Aber dort, wo ihre Ansichten über Recht und Unrecht mit denen guter Bürger auseinander gingen, hatte sie den eigenen zu folgen, selbst wenn es der Mutter weh tun würde, daß die Bürger häßlich von ihr redeten.
War ihr Verhältnis mit Gert sündig, so bestand die Sünde jedenfalls nicht darin, daß sie zuviel gegeben hatte, sondern zu wenig. Und wie es auch endete, so mußte sie dafür leiden und durfte nicht mucksen.