Ein Kind zu versorgen, müßte sie eigentlich genau so gut imstande sein wie alle die Mädchen, die nicht ein Zehntel von dem konnten, was sie an Fähigkeiten besaß. Etwas Geld hatte sie ja auch noch übrig, so daß sie fortreisen konnte. War es auch ein kümmerlicher Beruf, den sie sich gewählt — viele ihrer Kollegen mußten doch sogar Frau und Kinder damit ernähren. Außerdem hatte sie, seit sie annähernd erwachsen war, anderen helfen müssen.

Natürlich wäre es ja das Beste, der Sache zu entgehen. Bisher war es ja gut gegangen.

Sie wollte nicht daran denken. —

Gert würde wohl verzweifelt sein.

Oh, aber Herrgott — wenn es zutraf — jetzt! Wäre es wenigstens damals gekommen, als sie ihn liebte — oder ihn zu lieben glaubte. Damit sie in diesem Glauben hätte von ihm fortreisen können. Aber jetzt, jetzt, wo alles, was zwischen ihnen bestanden hatte, in kleine Stückchen zerbröckelte, von ihrem Denken und Grübeln aufgezehrt.

Sie hatte es in diesen Wochen hier auf Tegneby klar empfunden, daß es so nicht weitergehen könne. Sie hatte sich hinausgesehnt, nach neuen Verhältnissen, neuer Arbeit. Ja, die Arbeitssehnsucht war zurückgekehrt. Sie hatte dieses krankhafte Verlangen von sich abgeschüttelt, sich an einen Menschen anzuklammern, von ihm umschmeichelt, umsorgt und „kleines Mädchen“ genannt zu werden.

Sie hatte sich im Schmerz zusammengekrampft, wenn sie an den Bruch dachte, und daß sie ihm wehe tun mußte. Aber Herrgott — sie hatte ihm doch gegeben, solange sie konnte. Gert war glücklich gewesen. Jedenfalls war er dem erniedrigenden Sklavendasein mit ihr — der Frau — entronnen.

Was sie selbst betraf, so hatte sie resigniert. Arbeit und Einsamkeit würden ihr Leben bedeuten. Diese Monate aus ihrem Dasein auslöschen, das wußte sie, konnte sie nicht. Sie würde die Erinnerung daran behalten und die bittere Lehre dieser Zeit, daß die Liebe, die vielen genügte, nicht für sie ausreichte, mit sich nehmen. Für sie schien es besser, zu entbehren, als sich zu begnügen.

O ja, vergessen würde sie diese Monate nicht. Aber gemildert würden sie vor ihr stehen, und umgedichtet zu Erinnerungen an das kurze, schmerzdurchzogene Glück und die bittere, reueerfüllte Qual. Mit der Zeit wollte sie die Erinnerung an den Mann, gegen den sie blutiges Unrecht verübt hatte, halbwegs auszulöschen suchen.

Und jetzt trug sie vielleicht sein Kind.