Jenny lag vollkommen sprachlos da.

„Ich kann mir denken, daß er das nicht vergessen kann. Und nicht verzeihen. Wenn er es nur ein wenig entschuldbar fände, sich vorstellen könnte, wie grenzenlos unerfahren ich alles ansah. Aber später —“ Sie suchte nach Worten. „Es ist — so unharmonisch zwischen uns geworden — alles. Es ist, als wollte er mich nicht anrühren; geschieht es, dann ist es gegen seinen Willen und hinterher ist er böse, sowohl auf sich selbst als auf mich. Trotzdem ich versucht habe, es ihm zu erklären. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht recht, was eigentlich dabei ist. Ich habe keinen Widerwillen mehr dagegen, wenn ich ihm eine Freude damit machen kann. Alles, womit ich Lennart eine Freude bereiten kann, ist gut und schön für mich. Er glaubt, es seien Opfer, aber das ist nicht wahr, im Gegenteil. O, ich habe Nacht für Nacht in meinem Zimmer geweint, weil ich wußte, er sehnte sich nach mir, ich habe versucht, ihn herbeizulocken, Jenny, mit dem Bißchen, das ich konnte — und er stößt mich von sich —. Ich habe ihn so gern, Jenny. Sag mir, kann man nicht sehr gut einen Mann auf diese Art liebhaben? Kann ich nicht sehr gut sagen, ich liebe Lennart?“

„Doch, Cesca.“

„O, wie verzweifelt war ich! Aber ich kann doch nichts dafür, daß ich so geschaffen bin. Dann, wenn wir mit anderen Künstlern ausgingen, war er schlechter Stimmung. Er sagt nichts, aber ich weiß, er findet, daß ich mit ihnen kokettiere. Das ist sicher wahr, denn ich werde guter Laune, wenn ich auswärts essen darf und einen Abend kein Essen zu kochen und hinterher nicht aufzuwaschen brauche. Manchmal war ich auch froh, nicht mit Lennart allein sein zu müssen, trotzdem ich ihn gern habe und er mich — das tut er, o ja, das weiß ich wohl, und frage ich ihn danach, so sagt er: das weißt du ja, und lacht dann so seltsam und bitter. Aber er vertraut mir nicht, weil ich ihn nicht so — sinnlich — lieben kann und trotzdem kokett bin. Einmal sagte er, ich ahnte ja nicht, was Liebe bedeute, und es wäre wohl seine Schuld, daß er mich nicht habe erwecken können, es würde aber vielleicht ein anderer kommen — o Gott, wie ich weinte. Dann jetzt im Frühjahr. Du weißt ja, wir haben nicht viel zum Leben. Gunnar verkaufte mir das Stilleben, das ich vor drei Jahren ausgestellt hatte, für dreihundert Kronen. Wir lebten viele Monate von diesem Geld, aber Lennart mochte nicht, daß wir Geld verbrauchten, das ich verdient hatte. Ich verstehe ja nicht, was das ausmachen soll, wenn wir uns liebhaben. Aber er sagt immer, daß er mich ins Elend hinabgezerrt habe. Schulden haben wir auch, natürlich. Ich wollte dann einmal an Papa schreiben und ihn bitten, mir einige hundert Kronen zu schicken. Aber das durfte ich nicht. Ich fand es so ungerecht — Borghild und Helga hatten zu Hause gelebt und alles von Papa bekommen. Er hat sie ins Ausland geschickt, während ich mich von dem kleinen Erbteil von Mama durchgespart und durchgeschlagen habe, seit ich mündig wurde, weil ich nicht einen Oere von Papa annehmen wollte, nachdem er das zu mir gesagt hatte, als ich mit Leutnant Kaarsen auseinanderging und dieses Gerede über mich und Hans entstand. Aber er hat es zurückgenommen und gibt jetzt zu, daß ich Recht hatte. Es war gemein, sowohl von Kaarsen als von denen zu Hause, mich zwingen zu wollen, weil er mich zu der Verlobung verleitet hatte, als ich siebzehn Jahre alt war und nicht wußte, daß eine Ehe etwas anderes bedeutet als das, was in den verdammten Backfischbüchern steht. Als ich anfing, es zu verstehen, wußte ich, daß ich mich lieber umbringen würde als mich mit ihm zu verheiraten. Hätten sie mich aber dazu gebracht — oh, ich wäre reizend geworden, ich hätte alle Liebhaber genommen, die ich hätte bekommen können, nur aus Trotz, um mich an ihnen allen zu rächen. Papa versteht es jetzt und hat gesagt, daß ich Geld von ihm bekommen könne, wenn ich wolle —. Als aber Lennart so krank war und so elend, als sie dann sagten, er müßte aufs Land, um gut zu leben, und als ich selbst so müde und elend war, da sagte ich zu ihm, daß ich aufs Land müßte, um mich auszuruhen, weil ich ein Kindchen bekäme. So durfte ich denn an Papa schreiben und um Geld bitten, wir reisten hinauf nach Vermland und lebten dort so herrlich, Lennart erholte sich gut und ich begann, wieder zu malen. Aber allmählich merkte er natürlich, daß ich doch kein Kind bekam. Als er fragte, ob ich mich nicht geirrt hätte, sagte ich ihm, ich hätte gelogen, denn ich wollte ihn jetzt nicht wieder belügen. Darüber ist er aber auch böse, das weiß ich. Ich glaube, er traut mir nicht recht und das ist so schrecklich. Wenn er mich verstände, so müßte er doch an mich glauben, meinst du nicht?“

„Doch, Cesca.“

„Ich habe es früher schon einmal gesagt, daß ich ein Kindchen bekommen würde — im Herbst, als er so traurig war und es uns so schlecht ging. Damit er fröhlich werden sollte und lieb zu mir. Das war er dann auch — o, du kannst dir nicht denken, wie herzlich es war. Ich hatte gelogen, aber denke dir, ich glaubte zum Schluß selber daran, daß es wahr wäre. Ich meinte, Gott würde es so einrichten, damit ich ihn nicht zu enttäuschen brauchte. Aber daraus wurde freilich nichts. Ich bin so verzweifelt, daß ich kein Kind bekomme. Jenny, glaubst du, daß es wahr ist: manche sagen —“ sie flüsterte bebend — „daß eine Frau, die keine solche — Leidenschaft empfinden kann, keine Kinder bekommt?“

„Nein,“ sagte Jenny hart. „Das ist bestimmt nur Unsinn.“

„Ich weiß ganz sicher, daß dann alles gut würde. Lennert wünscht es so furchtbar. Und ich — ja, ich glaube, ich würde ein wahrer Engel werden aus Freude, wenn ich mein eigenes Kindchen hätte. Kannst du dir so etwas wunderbar Schönes vorstellen?“

„Ja,“ flüsterte Jenny mühsam. „Wenn ihr euch doch liebt. Es würde über viele Hindernisse hinweghelfen.“

„Ach gewiß. Wenn es nicht so peinlich wäre, würde ich einmal zu einem Arzt gehen. Ich glaube übrigens, daß ich es eines Tages tue. Meinst du nicht, daß ich es sollte? Wenn ich mich nur nicht so genierte — aber das ist dumm. Es ist ja übrigens einfach meine Pflicht, wenn ich verheiratet bin. Ich kann ja zu einer Aerztin gehen, zu einer verheirateten Frau, die Kinder und alles hat. O denk dir nur: ein kleines winziges Wesen, das einem selbst gehört, wie froh würde Lennart sein!“