Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte Freunde — lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.

Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von amore und bacciare.

„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“

„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“

„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“

„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“

Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich miteinander zu unterhalten — über Gemälde. Der schwedische Bildhauer saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf — an ihm, Helge, vorüber — als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem marmorenen Schenktisch aufstieg.

Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, daß er sich hier überflüssig fühlte — so hoffnungslos einsam. Solange man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter diesen Leuten nie einleben würde.

Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht dazu, unter Leuten zu sein — erst recht nicht unter Menschen dieser Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen Glas mit dem dunkelroten Weine griff! — Für ihn war es eine Sehenswürdigkeit — sein Vater hatte davon erzählt — ihn auf das Glas aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem Bilde, im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges Ansicht taugte das Bild sicher nichts. — Diese jungen Damen hatten sicher niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen — „dieser Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht zufällig eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich Perlen und anderen Staat zu kaufen — hatten wohl begeistert ihre Freunde herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die sie sich nicht hätten träumen lassen. — Die hatten wohl kaum in den Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.

Geträumt hatte er — und gelesen. Und er machte die Erfahrung — nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht — der Traum hatte sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, daß er es gesehen — und doch würde er nichts berichten können über Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er sie kannte — ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....