„Du Lieber, du darfst nicht so unglücklich sein, hörst du? Ich bin es auch nicht, wie du siehst. Im Gegenteil, manchmal bin ich froh. Wenn ich versuche, richtig darüber nachzudenken, was es eigentlich bedeutet, daß ich ein Kind bekomme, mein eigenes, kleines, süßes Kind, so kann ich es gar nicht fassen. Ich glaube sicher, daß ich glücklich werde, so glücklich, daß ich es mir noch gar nicht vorstellen kann. Ein lebendiges, kleines Menschlein, das nur mir gehört, das ich lieben, für das ich leben und arbeiten werde. Manchmal denke ich, daß erst jetzt Sinn in mein Leben und meine Arbeit kommt. Glaubst du vielleicht nicht, daß ich mir einen Namen machen könnte, der für mein Kind gut genug ist, Gert? Nur das macht mich noch etwas mutlos, daß ich noch nicht recht weiß, wie es wird, und dann, daß du so traurig bist. O Gert, ich bin vielleicht arm und nüchtern, egoistisch und all so etwas, aber ich bin schließlich eine Frau, ich muß mich doch darüber freuen, daß ich Mutter werde.“

„Jenny.“ Er küßte ihre Hände. „Arme, kleine tapfere Jenny. Es ist beinahe noch schlimmer für mich, daß du es so auffaßt,“ sagte er leise.

Jenny lächelte weh:

„Oh, es wäre doch wohl schlimmer für dich, wenn ich es anders auffaßte.“

V.

Zehn Tage später reiste Jenny nach Kopenhagen. Die Mutter und Bodil Berner gaben ihr in der frühen Morgenstunde das Geleite zum Bahnhof.

„Du hast es gut, du Glückspilz,“ sagte Bodil und lachte über ihr ganzes weiches braunes Gesichtchen. Dann gähnte sie, daß die Tränen ihr in die Augen stiegen.

„Es muß auch solche geben.“ Jenny lachte ebenfalls. „Dir geht es auch nicht gerade schlecht, finde ich.“

Aber sie fühlte mehr und mehr, daß sie nahe daran war, in Tränen auszubrechen, während sie ihre Mutter zum Abschied küßte. Sie stand am Abteilfenster und starrte sie an. Ihr war, als hätte sie diese ganze Zeit hindurch ihre Mutter niemals richtig angesehen. Diese schlanke und schmächtige, ein wenig gebeugte Gestalt. Man sah fast nicht, wie grau das Haar geworden, so blond war Frau Berner. In ihren Zügen lag etwas seltsam Unberührtes, Mädchenhaftes, trotz der vielen Fältchen. Aber es war, als ob die Jahre und nicht das Leben ihr Gesicht gezeichnet hatten. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte.

Wenn sie es nun einmal erführe. Nein, Jenny würde nie den Mut haben, es zu sagen und zuzusehen, wie die Mutter den Schlag ertragen würde. Sie, die nichts gewußt hatte und nichts verstehen würde. Hätte Jenny nicht fortreisen können — dann wußte sie, hätte sie es nicht überlebt. Nicht aus Liebe, aus Feigheit. Einmal mußte sie es ja sagen, und von draußen her war sie eher dazu imstande.