Wenn sie nur der Mutter Tränen nicht sah, so konnte sie es eher ertragen, ihr Kummer zu machen. — Das hieß mit anderen Worten nur, sie fürchtete Tränen.

Und Gert. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Ein geradezu körperlicher Schmerz durchfuhr sie — Verzweiflung, Widerwillen, so tief, daß sie fast alle Kraft verlor und völlig gleichgültig wurde gegen alles.

Diese fürchterlichen letzten Tage in Kristiania mit ihm. Schließlich hatte sie nachgegeben.

Er wollte nach Kopenhagen kommen. Sie hatte versprechen müssen, irgendwo in Dänemark aufs Land zu gehen, wo er sie besuchen könnte. Gott mochte wissen, ob sie der Sache jemals würde ein Ende machen können.

Schließlich blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ihm das Kind zu übergeben und ihn zu verlassen. Ja, denn alles, was sie ihm gesagt hatte, daß sie sich darauf freute und so weiter, war Lüge. Auf Tegneby hatte sie ein solches Gefühl des öfteren gehabt, denn dort hatte sie nur daran gedacht, daß es ihr Kind war und nicht das seine. Sollte es jedoch eine lebendige Fessel zwischen ihr und ihrer Schande werden, so wollte sie es um keinen Preis behalten. Sie würde es hassen müssen — sie haßte es ja schon, wenn sie an die letzten Tage in der Stadt dachte.

Das krankhafte Verlangen, aus Herzenslust zu schluchzen, war vorüber. Sie fühlte sich trocken und hart, als ob sie niemals wieder weinen könnte.

Eine Woche später, als Gert Gram kam, war sie so müde und gleichgültig, daß sie gute Laune vortäuschen konnte. Wenn er ihr vorgeschlagen hätte, in sein Hotel hinüberzuziehen, so hätte sie es getan. Sie veranlaßte ihn, mit ihr ins Theater zu gehen, außerhalb zu Abend zu essen und eines Tages bei schönem Wetter mit ihr nach Fredensborg zu fahren. Sie sah, daß es ihm gut tat, wenn sie sich munter und frisch gab.

Sie dachte kaum mehr nach. Ohne Anstrengung konnte sie ihre Gedanken ausschalten. In Wirklichkeit war ihr Gehirn kraftlos. Wie ein dauerndes mahnendes Erinnern war es nur, daß sich ihr die Brust schmerzhaft spannte und daß das Korsett sie behinderte.

Jenny hatte sich bei einer Lehrerswitwe auf Westseeland eingemietet. Gram begleitete sie dorthinaus und reiste am Abend nach Kopenhagen zurück. So war sie endlich allein.

Sie hatte aufs Geratewohl gemietet. Während ihres Studienaufenthaltes in Kopenhagen war sie einen Tag über mit einigen Kameradinnen in dem Dorfe gewesen; sie hatten im Krug gegessen und bei den Dünen gebadet. Sie entsann sich, daß es dort schön war, und als auf ihre Anzeige eine Frau Rasmussen dort sich erboten hatte, die junge Dame aufzunehmen, die ihre Niederkunft erwartete, da griff sie zu.