Eigentlich fühlte sie sich wohl. Allerdings wohnte die Lehrerswitwe in einem elend häßlichen, winzigkleinen gelben Backsteinhaus etwas außerhalb des Dorfes, an der Landstraße, die sich staubig und ohne Ende zwischen offenen, bestellten Feldern hinzog. Aber Jenny mochte ihr Zimmer gern mit der Tapete in Berlinerblau und den Lithographien nach Exner an den Wänden, mit den weißen, gehäkelten Deckchen ringsumher, auf dem Bett, dem amerikanischen Schaukelstuhl und der Kommode, auf die Frau Rasmussen bei Jennys Ankunft einen großen Rosenstrauß gestellt hatte.
Draußen vor den beiden Fensterchen lief die Landstraße vorbei. Im Vorgärtchen blühten Rosen, Geranien und „Christi Blutstropfen“, ungeachtet all des Staubes, mit dem sie gepudert waren. Jenseits der Straße erhob sich ein nackter Hügelkamm im Acker. Steinwälle, an deren Hängen struppige, leuchtende Herbstblumen zwischen Brombeerhecken wucherten, teilten den Hügel in weiße Stoppelfelder, blaugrüne Rübenäcker und braungrüne Wiesen, umrändert von zackigen, zerzausten Weidenbüschen. War die Abendsonne aus Jennys Kammer geschwunden, so flammte der Himmel über dem Hügelkamm und den spärlichen Zweiglein der Weiden auf.
Hinter ihrem Zimmer ging eine kleine puppenstubenartige Küche mit rotem Backsteinfußboden, auf den Hof hinaus, wo die Hühner der Witwe gackerten und die Tauben gurrten. Ein kleiner Flur lief quer durch das ganze Haus. Auf der anderen Seite lag Frau Rasmussens Stube mit Blumen vor den Fenstern und gehäkelten Decken überall, Daguerreotypien und Photographien an den Wänden, einem kleinen Bücherschrank mit religiösen Schriften in schwarzem Pappeinband, einigen Jahrgängen von „Frem“ und Gyldendals Serien in Prachtbänden. Dahinter befand sich ein Zimmerchen, in dem die Luft immer merkwürdig dick war, und das ein unbestimmbarer Geruch erfüllte, obgleich es vor Sauberkeit blitzte. Hier schlief sie selbst und konnte nicht hören, wenn sich ihre Pensionärin jenseits des Ganges Nacht für Nacht in den Schlaf weinte.
Frau Rasmussen war übrigens nicht so schlimm. Groß und schlottrig schlürfte sie in einer Art von Filzschuhen leise umher; immer sah sie gleichmäßig sorgenvoll aus mit ihrem langen gelben Pferdegesicht, unter dem graugesprenkelten Haar, das mit einem drolligen kleinen Schwung über jedem Ohr weggestrichen war. Sie sprach fast gar nicht, höchstens stellte sie einige besorgte Fragen, ob das gnädige Fräulein mit dem Essen und dem Zimmer zufrieden sei. Selbst wenn Jenny nach dem Mittagessen sich hin und wieder mit ihrer Handarbeit in das Wohnzimmer zu Frau Rasmussen setzte, schwiegen sie still. Jenny war ihr besonders dafür dankbar, daß Frau Rasmussen niemals ihren Zustand erwähnte; nur ein einziges Mal hatte sie ängstlich gefragt, als Jenny mit ihrem Malgerät hinausging, ob das wohl dem gnädigen Fräulein nicht schaden könnte.
Sie arbeitete in der ersten Zeit eifrig, stand hinter einem Steinwall mit ihrer Feldstaffelei, die der scharfe Wind fast umblies. Unter dem Wall erstreckte sich das gelbe Stoppelfeld eines endlosen Roggenackers bis zum Moor hinab, wo sich weißes Wollgras an blauen Wasserlöchern hinzog, wo samtschwarze Torfmieten auf saftiggrünem Wiesengrund lagen. Hinter dem Sumpf wellte sich das Land mit grünen Rübenfeldern, Wiesen und gemähten Roggenäckern, mit kalkweißen Bauernhöfen in üppigen, dunkelgrünen Hainen — bis hinüber zum frischen, blauen Fjord. Der Strand lief in Bogen und Zungen, mit weißgelbem Sand und kurzem, vergilbtem Gras, in die See hinaus. Gegen Norden fiel der Hügel, vom Heidekraut braun gefärbt, mit der Windmühle auf der Spitze, in steilen, gelben Sanddünen zum blauen Fjord ab. Schatten und Licht wechselten auf dem offenen Lande ab, je nachdem wie die Wolken über den weißen, ewig blauen unruhigen Himmel wanderten.
Wenn Jenny müde wurde, legte sie sich am Walle nieder, starrte in den Himmel und über den Fjord. Sie konnte nicht längere Zeit hintereinander stehen, doch das reizte sie nur, weiterzuarbeiten. Zwei kleinere Bilder vollendete sie oben auf dem Wall, und freute sich selbst an ihnen. Eines malte sie vom Dorfe unten, wo die weißgekalkten Häuser, umgeben von Kletterrosen und Georginen, um einen sammetgrünen Dorfteich lagen. Ihre Strohdächer hingen bis über die Fensterscheiben hinab, die rote Backsteinkirche erhob ihren treppengiebligen Turm über die Laubmassen des Pfarrhausgartens. Es machte sie aber nervös, daß die Leute zu ihr kamen und ihr zusahen; die weißhaarigen Jungen umstanden sie in Knäueln, während sie malte. Als das Bild dann fertig war, zog sie mit ihrer Staffelei wieder hinauf zum Wall, der See entgegen.
Dann kam aber im Oktober der Regen; es goß ein oder zwei Wochen lang. Ab und zu klärte es sich etwas auf und ein trüber, gelber Lichtstreifen glitt durch die Wolken, über dem Hügel mit den traurigen Weidenbüschen hin, und die Wasserpfützen lagen ein Weilchen blank da. Dann regnete es wieder.
Jenny lieh sich Frau Rasmussens Bücher und ließ sich die Muster der gestrickten Spitzen an ihren Gardinen zeigen. Aber es wurde nicht viel, weder mit dem Lesen noch mit dem Stricken. Sie saß den lieben langen Tag im Schaukelstuhl am Fenster und war nicht einmal imstande, sich ordentlich anzuziehen, sondern schlüpfte nur in ihren verwaschenen Kimono.
Sie litt furchtbar darunter, daß ihre Schwangerschaft nach und nach sichtbar wurde.
Da meldete Gert Gram seinen Besuch. Schon zwei Tage später kam er am frühen Morgen in strömendem Regen angefahren. Er blieb eine Woche, wohnte im Bahnhofshotel, eine halbe Meile entfernt, war aber den ganzen Tag bei ihr draußen. Als er abreiste, versprach er, bald wiederzukommen, vielleicht schon in sechs Wochen.