Jenny lag die Nächte hindurch bei brennender Lampe wach. Sie wußte nur, sie konnte das nicht mehr ertragen. Es war zu furchtbar gewesen.
Unerträglich war es — alles — von seinem ersten teilnehmenden, besorgten Blick an, als er sie in dem neuen dunkelblauen Hängerkleid erblickte, welches das Nähmädchen im Dorf für sie angefertigt hatte. „Wie schön du bist,“ hatte er gesagt und gemeint, sie gliche einer Madonna. Reizende Madonna! O ja. — Sein vorsichtiger Arm um ihren Leib, seine langen behutsamen Küsse auf ihre Stirn — ihr war, als sollte sie sterben vor Scham. Ja, wie er sie gepeinigt hatte mit seiner liebevollen Besorgnis um ihre Gesundheit, mit seinen Ermahnungen, für Bewegung zu sorgen. Als einmal eine Pause zwischen den Regenschauern eintrat, hatte er sie mit hinaus auf einen Spaziergang geschleppt, und sie mußte sich um jeden Preis bei ihm einhängen und sich auf seinen Arm stützen. Eines Abends besah er verstohlen ihre Handarbeit — er hatte sicher erwartet, daß sie damit beschäftigt sei, Windeln zu säumen.
Es war ja keine böse Absicht von ihm. Aber darum war auch keine Hoffnung vorhanden, daß es besser sein würde, wenn er wiederkam, im Gegenteil. Aber sie konnte auch nicht mehr. —
Eines Tages bekam sie einen Brief von ihm, in dem er unter anderem schrieb, daß sie auf jeden Fall einen Arzt zu Rate ziehen müsse.
Am nämlichen Abend schrieb sie einen kurzen Brief an Gunnar Heggen: sie erwarte im Februar ein Kind; ob er ihr die Adresse eines stillen Ortes in Deutschland verschaffen könne, wo sie bleiben könne, bis es überstanden sei.
Er antwortet umgehend:
Liebe Jenny!
Ich habe in zwei hiesigen Zeitungen annonciert und schicke dir alle Briefe zu, wenn sie kommen; dann kannst du sie dir selbst ansehen. Falls du willst, daß ich irgendwo hinreise und mir für dich etwas ansehe, ehe du mietest, so weißt du, daß ich es mit Vergnügen tue, und überhaupt kannst du in jeder Weise über mich verfügen. Schreibe, wann du reisest und welchen Weg, ob du willst, daß ich dir entgegenkommen, oder ob ich dir mit irgend etwas anderem helfen kann. Was du mir erzählst, hat mich sehr betroffen, aber ich weiß ja, du bist verhältnismäßig stark genug, um einen Stoß zu vertragen. Willst du mir bitte schreiben, ob ich dir noch in anderen Sachen beistehen kann? Du weißt, ich würde mich freuen, dir einen Dienst zu erweisen. — Ich höre, du hast ein gutes Bild auf der Staatsausstellung — herzlichen Glückwunsch!
Viele Grüße von Deinem alten Freunde
G. H.