Einige Tage später kam ein ganzes Paket Briefe. Jenny buchstabierte sich durch einen Teil der Schreiben hindurch, die vielfach mit fürchterlichen Krähenfüßen bemalt waren. Dann schrieb sie an Frau Schlessinger in der Umgegend von Warnemünde und mietete dort vom fünfzehnten Oktober ab, teilte Gunnar ihren Entschluß mit und kündigte Frau Rasmussen.

Erst am letzten Abend schrieb sie an Gert Gram:

Lieber Freund!

Ich habe einen Entschluß gefaßt, der Dir, wie ich fürchte, wehe tun wird. Aber Du darfst mir nicht zürnen. Ich bin so müde und nervös, weiß selbst, daß ich ungerecht und häßlich gegen Dich war, als Du hier warst, und das möchte ich so ungern. Daher will ich Dich nicht eher sehen, als bis alles überstanden ist und ich wieder in normalem Zustande bin. Ich reise morgen früh ins Ausland — meine Adresse gebe ich vorläufig nicht an, Briefe kannst Du mir aber durch Frau Franziska Ahlin, Varberg, Schweden, senden; ich schreibe vorläufig über sie an Dich. Du darfst Dich meinetwegen nicht ängstigen; ich bin frisch und es geht mir recht gut, aber, Lieber, versuche nicht, bis auf weiteres anders mit mir in Verbindung zu kommen, ich bitte Dich inständig. Und sei mir nicht allzu böse, aber ich glaube, dieser Ausweg ist für uns beide der beste. Versuche, um meinetwillen so wenig betrübt und besorgt zu sein, wie es Dir möglich ist.

Deine
Jenny Winge.

So zog sie denn zu einer neuen Witwe in ein neues Häuschen, diesmal ein rotes mit weißgekalkten Fenstersimsen. Es lag in einem kleinen Garten mit fliesenbedeckten Wegen und Muscheln am Rande der Beete, auf denen schwarze, verfaulte Astern und Georginen standen. Etwa zwanzig bis dreißig solcher Häuser lagen an einem Stückchen Straße entlang, die von einem Bahnhof bis zu einem Fischerhafen hinabführte, wo die See sich an langen Steinmolen brach. Eine Strecke entfernt, drüben auf dem weißen Strand, wo der Tang in Massen hereintrieb, lag ein kleines Badehotel mit verschlossenen Läden. Ins Land hinein erstreckten sich endlose Wege mit nackten, struppigen Pappeln, die sich im Winde neigten, vorbei an kleinen Steingehöften mit einem Stümpfchen Vorgarten und ein bis zwei großen schwarzen Heumieten, über unendliche schwarze Felder und Moore. Des Morgens war das Land mitunter von wässriggrauem frischem Schnee bedeckt, der im Laufe des Tages schwand.

Jenny wanderte die Straßen hinauf, so weit sie konnte, dann kam sie nach Haus und saß in ihrem Zimmerchen, das diesmal mit den prächtigsten Nippessachen überfüllt war, mit farbigen Gipsreliefs von Ritterburgen und munteren Wirtshausszenen in Messingrahmen. Sie war nicht einmal imstande, das nasse Schuhzeug zu wechseln, Frau Schlessinger zog ihr Stiefel und Strümpfe aus, ununterbrochen schwatzend und Jenny ermahnend, guten Mutes zu sein. Sie erzählte von all den Leidensgenossinnen Jennys, die sie im Hause gehabt hatte — jetzt war die eine oder andere verheiratet und es ging ihnen gut, ja!

Sie hatte etwa einen Monat hier gewohnt, als Frau Schlessinger hereinkullerte, aufgeregt und strahlend — es sei ein Herr gekommen, der das gnädige Fräulein begrüßen wollte.

Jenny saß gelähmt vor Angst. Dann konnte sie fragen, wie der Herr aussähe. Ganz jung, sagte Frau Schlessinger, und sie lächelte lauernd. Sollte es Gunnar sein? Sie erhob sich, — aber dann warf sie das Reiseplaid über, hüllte sich ganz darin ein und kroch in den tiefsten Lehnstuhl.

Frau Schlessinger wackelte entzückt hinaus, um den Herrn hereinzuholen. Sie führte Gunnar zu Jenny hin und verweilte, glücklich lächelnd, einen Augenblick in der Tür, ehe sie verschwand.