Er preßte ihre Hände, daß es wehe tat. Aber er lachte strahlend:

„Ich muß doch einmal nach dir sehen, wie es dir geht. — Ich finde allerdings, du hast dir ein trauriges Stück Erde ausgesucht, aber jedenfalls ist hier frische Luft.“ Er schüttelte ein wenig Wasser von seinem Filzhut, den er in der Hand gehalten hatte.

Jenny machte eine Bewegung, als ob sie sich erheben wollte, blieb jedoch sitzen und sagte errötend: „Vielleicht bist du so lieb und läutest für mich. Du sollst jetzt Tee — und Essen bekommen!“

Heggen aß wie ein Wolf und plauderte unterdeß beständig. Er war begeistert von Berlin; er wohnte oben in Moabit, im Arbeiterviertel, und sprach mit gleichem Entzücken von deutschen Sozialdemokraten wie vom Militarismus — „ja, an denen ist so was herrlich Maskulines, siehst du. Das eine folgt außerdem aus dem anderen.“ Er hatte ein paar großindustrielle Betriebe zu sehen bekommen, auch das Nachtleben hatte er ein wenig studieren müssen, da er auf einen norwegischen Ingenieur gestoßen war, der sich dort auf der Hochzeitsreise befand, und auf eine norwegische Familie mit zwei reizenden, anmutigen Töchtern — die jungen Damen waren förmlich begeistert nachdem sie das Laster ein wenig aus der Nähe gesehen hatten.

„Uebrigens entzweite ich mich mit ihnen. Ich schlug nämlich Fräulein Paulsen eines späten Abends vor, mit zu mir nach Haus zu kommen —.“

„Nein, aber Gunnar —“.

„Ja, Teufel auch, ich war eben etwas betrunken, das kannst du dir wohl denken, und dann war es doch nur Scherz, weißt du. Das hätte ja bloß gefehlt, daß sie darauf eingegangen wäre — dann hätte ich hübsch in der Tinte gesessen. Hätte mich vielleicht mit einem Mädel verheiraten müssen, das sich damit amüsiert, an solchen Dingen zu schnuppern — nein, danke. Es machte mir nur Spaß, zu sehen, wie sie sich sittlich entrüstete. Nun, Gefahr war nicht vorhanden — diese Art Mädchen gibt nicht ihr Kleinod hin, ohne sich die Valuta zu sichern —.“

Er wurde plötzlich rot. Es kam ihm in den Sinn, daß Jenny es taktlos finden könnte, wenn er so zu ihr sprach — jetzt. Aber sie lachte nur:

„O, bist du verrückt, Junge!“

Die unnatürliche, quälende Scheu war nach und nach von ihr gewichen. Heggen fuhr fort zu plaudern. Einige Male, wenn sie es nicht sah, hingen seine Augen ängstlich an ihrem Gesicht. Herrgott, wie war sie mager und hohläugig geworden — so gefurcht um den Mund. Die Sehnen am Halse traten hervor, und ein paar häßliche Streifen zogen sich über die Kehle.