Heggen blätterte langsam darin herum. Jenny hatte sich wieder aufs Sofa gesetzt. Er betrachtete eine Weile die kleinen Bleistiftzeichnungen von dem schlafenden Kindchen. Dann legte er das Buch behutsam fort.

„Es war traurig, daß du deinen kleinen Jungen verlorst,“ sagte er leise.

„Ja. — Hätte er gelebt, so wäre ja alles andere gleichgültig gewesen, weißt du. Du sprichst vom Willen, aber eines Menschen Wille kann nicht einmal — seines Kindes Leben — festhalten, und dann —. Ich bin nicht dazu imstande, nach Höherem zu streben, Gunnar, denn ich sah, dies war das Einzige, wozu ich etwas taugte, woraus ich mir etwas machte — meines kleinen Knaben Mutter zu sein. Ja, ihn konnte ich lieben. Vielleicht bin ich ein Egoist durch und durch, denn jedesmal, wenn ich den Versuch machte, die anderen zu lieben, so erhob sich mein eigenes Ich wie eine Mauer zwischen uns. Doch der Knabe war mein. Hätte ich ihn, so könnte ich arbeiten — ach, wie würde ich dann arbeiten! Ich schmiedete Pläne. Mir fiel es wieder ein im vergangenen Herbst, als ich hierher reiste, — ich wollte ja den Sommer mit ihm in Bayern verbringen. Ich fürchtete, die Seeluft würde zu scharf für ihn sein. Er sollte im Wagen liegen und unter den Apfelbäumen schlummern, während ich arbeitete. Siehst du, ich könnte an keinen Ort der Welt kommen, wo ich nicht im Traum schon mit dem Kind gewesen wäre. Es gibt auf der Welt nichts Gutes und Schönes, von dem ich nicht gedacht, daß er es lernen oder sehen sollte. Ich besitze nichts, was nicht auch ihm gehörte, das rote Plaid brauchte ich, um ihn darin einzuhüllen. Das schwarze Kleid, in dem du mich malst, wurde in Warnemünde für mich genäht, nachdem ich genesen war, ich wählte diese Form, damit es bequem wäre, ihn zurecht zu legen. Im Futter sind noch Milchflecken.

Ich kann nicht arbeiten, weil ich ganz von ihm beherrscht bin. Ich sehne mich so heftig nach ihm, daß es mich fast lähmt. Des Nachts rolle ich mein Kopfkissen zusammen, nehme es in den Arm und wimmere nach Bübchen. Ich rufe ihn und rede mit ihm, wenn ich allein bin. Ich hatte ihn malen wollen, so daß ich Bilder von ihm aus jedem Alter gehabt hätte. Jetzt wäre er bald ein Jahr alt gewesen, denk nur — hätte Zähnchen bekommen und würde kriechen können, hätte sich aufgerichtet und wäre vielleicht ein bißchen gelaufen. Jeden Monat, jeden Tag denke ich, heute wäre er so und so alt gewesen — wer weiß, wie er wohl ausgesehen hätte. — Alle Frauen, die mit einem bambino auf dem Arme herumlaufen — alle Jungen, die ich auf der Straße sehe, erinnern mich daran, wie wohl meiner ausgesehen hätte, wenn er größer geworden wäre —.“

Sie schwieg wieder. Heggen saß ganz still vornübergebeugt.

„Ich glaubte nicht, daß es so sei, Jenny,“ sagte er leise und heiser. „Ich sah wohl, daß es schmerzlich war, aber ich dachte, andererseits — wäre es besser so. Hätte ich gewußt, wie es sich wirklich verhielt, so wäre ich zu dir gekommen —.“

Sie antwortete nicht und fuhr fort in ihren Gedanken:

„Und dann starb er — so winzig, winzig klein. Es ist ja nur Egoismus von mir, daß ich es ihm nicht gönne — gestorben zu sein, ehe er anfing, das allergeringste zu verstehen. Er konnte nur nach dem Lichte blinzeln oder schreien, wenn er zurechtgemacht werden sollte oder hungrig war. Er suchte nach meiner Wange in dem Glauben, es sei die Brust. Er kannte mich auch noch nicht, jedenfalls noch nicht richtig. Ein ganz schwacher Schimmer von Bewußtsein war vielleicht in seinem kleinen Köpfchen erwacht, aber stell dir vor, er hat nie gewußt, daß ich seine Mutter war —. Einen Namen hat er auch nicht gehabt, der Arme, nur Mutters Bübchen war er. Keinerlei Erinnerung habe ich an ihn, außer dieser rein körperlichen.“ Sie erhob die Hände, als drückte sie das Kind an sich. Dann fielen sie tot und leer auf den Tisch zurück.

„Das erste Mal, als ich sein Gesichtchen an meine Wange legte, war seine Haut so weich, ein wenig feucht, wie etwas Eingeschlossenes, die Luft hatte sie ja noch kaum berührt, weißt du. Ich glaube, man würde angewidert sein, einem neugeborenen Kinde zu nahe zu kommen, wenn es nicht das eigene Fleisch und Blut ist. Seine Augen, sie hatten noch keine richtige Farbe, waren dunkel, ich glaube übrigens, sie wären graublau geworden. Sie sind so seltsam, die Augen solcher kleinen Kinder — mystisch, hätte ich beinahe gesagt. Und sein kleines Köpfchen — wenn er bei mir lag und die Brust bekam, wenn er dann seine Nasenspitze flach drückte und es oben in der kleinen Fontanelle pochte, das dünne, flaumige Haar — er hatte soviel Haar, als er geboren wurde — dunkles —. Ich fand ihn so entzückend. Ach, sein ganzer kleiner Körper. Ich denke ja an nichts anderes. Ich kann ihn in meinen Händen spüren. Die Lenden waren so rund — er war am dicksten in der Mitte, weißt du —. Und sein Hinterteilchen war so komisch zusammengeklemmt, ein wenig spitz — ich fand natürlich auch das wunderhübsch. O Gott, wie süß war er, mein kleiner Junge —. Und dann starb er. — Ich hatte mich gefreut auf alles, was kommen sollte, so daß ich nachher meinte, ich hätte dem, was war, nicht genügend Beachtung geschenkt, der Zeit, als ich ihn hatte; ich hätte ihn nicht genügend geküßt oder betrachtet, obwohl ich in all den Wochen nichts anderes tat. — Und zurück blieb dann nur die Lücke — du kannst dir nicht denken, wie das war. Mir schien, als arbeite mein ganzer Körper in der Sehnsucht nach ihm. Ich bekam eine Entzündung in der Brust, der Schmerz und das Fieber waren nur die Sehnsucht, die hinauswollte. Ich vermißte ihn in den Armen, zwischen den Händen und an der Wange —. Manchmal, in den letzten Wochen, schloß er die Hand um meinen Finger, wenn ich ihn hinstreckte. Einmal hatte er ganz von selbst einige von meinen Haaren erwischt, die sich gelöst hatten —. Die süßen, süßen kleinen Hände.“

Sie legte sich über den Tisch, schluchzte leise und heftig, daß sie bebte.