„Verstehst du mich, Jenny — ich liebe dich so, daß ich finde, alles andere ist gleichgültig. Ich trauere nicht darüber, daß du mich nicht liebst, denn ich weiß, daß es eines Tages der Fall sein wird; ich fühle ja, daß meine Liebe dich dahin bringen wird. Ich habe Zeit zu warten, denn es ist wunderbar, dich so zu lieben. Als du davon sprachst, dich niedertrampeln zu lassen, dich unter eine Lokomotive zu werfen, da geschah etwas mit mir. Ich wußte nicht, was es war, ich wußte nur, ich konnte es nicht mit anhören, ich wußte, ich durfte es nicht geschehen lassen. Es war, als gelte es mein Leben. Du sprachst vom Kinde — es schmerzte mich so wahnsinnig, daß du so gelitten hattest, und ich konnte dir nicht helfen, ja, ich wußte es noch nicht, aber der Wunsch war auch schon in mir wach, daß du mir gut sein mögest.

Ich verstand alles, Jenny, die grenzenlose Liebe und den furchtbaren Verlust, so lieb habe ich dich. Als wir drüben in der Trattoria saßen, als wir dann hier hinübergingen, da war mir plötzlich alles klar und wie grenzenlos lieb und teuer du mir bist. — Jetzt ist mir, als sei es immer so gewesen. Alle Erinnerungen an dich gehören mit zu meiner Liebe. Jetzt verstehe ich auch, warum ich so niedergedrückt war, seit du hierher kamst. Ich sah, wie schwer dich dein Geschick drückte, wie still und trostlos du in der ersten Zeit warst, und wie du später diese wilden Anfälle bekamst. Ich besinne mich auf den Tag in Warnemünde auf der Landstraße, als du dastandst und weintest — auch das gehört mit dazu, weswegen ich dich liebe. Die anderen Männer, die du gekannt hast, Jenny, auch der Vater des Knaben — o ich weiß, wie es gewesen ist. Du hattest mit ihnen geredet und geredet — über all deine Gedanken, und es war schließlich nur ein Gerede von Gedanken. Selbst, wenn du versuchtest, ihnen klar zu machen, wie du fühltest, sie konnten ja nicht verstehen, wie du warst. Aber ich weiß es. Was du an jenem Tag in Warnemünde sagtest, und auch heute, das — du weißt, daß du darüber nur mit mir sprechen kannst; das sind alles Dinge, die ich allein verstehen kann. Ist es nicht so?“

Sie senkte überrascht, zustimmend den Kopf.

„Ich weiß, daß ich der einzige bin, der dich von Grund auf versteht, und ich weiß genau, wie du bist. Ach. So lieb wie ich dich habe! Wärst du voller Flecken und blutiger Wunden in deinem Gemüt, ich möchte nur dich haben und all das fortküssen, bis du wieder rein und gesund wärest. Ich will dir ja mit meiner Liebe nur dazu verhelfen, Jenny, so zu werden, wie du’s erstrebst und erreichen mußt, um dich glücklich zu fühlen. Auf welche schlimmen Gedanken du auch kämst — ich würde glauben, du seiest krank, etwas Fremdes habe sich in dein Wesen geschlichen. Wenn du mich auch betrögst, wenn ich dich betrunken im Rinnstein fände — du bist dennoch meine eigene geliebte Jenny. Hörst du? Kannst du nicht mein werden — nur mir gehören, dich in meine Arme legen und dich zu meinem Eigen machen lassen? Du wirst wieder gesund und glücklich werden. — Ich weiß noch nicht recht, wie ich es anfangen werde, aber ich weiß, meine Liebe wird einen Weg finden. Du wirst jeden Morgen ein wenig froher erwachen, und jeder Tag wird etwas lichter und wärmer sein als der vorhergegangene und deine Trauer etwas weniger schwer. Können wir nicht nach Viterbo fahren, irgend wohin? — Ach, laß mich dich mein nennen — ich will dich hegen wie ein krankes Kind. Und wenn du wieder geheilt bist, dann hast du mich liebgewonnen und weißt, wir Beide können gar nicht ohne einander leben. — Hörst du mich, Jenny — du bist krank, du kannst nicht allein auskommen. Schließ nur die Augen und gib mir deine Hände, so nehme ich dich und liebe dich gesund — ach, ich weiß, daß ich es kann.“

Jenny wandte ihm ihr weißes Antlitz zu. Sie hatte sich an eine Säule gelehnt und lächelte weh in den Mondenschein hinaus:

„Wie sollte ich diese große Bosheit und Sünde gegen Gott begehen können.“

„Meinst du, weil du mich nicht liebst? Ich sage dir ja, es macht nichts. Ich weiß, daß meine Liebe so mächtig ist, daß sie dich eines Tages geweckt haben wird, wenn du nur eine Zeitlang von der meinen umsponnen warst.“

Er umfing sie, küßte ihr ganzes Gesicht, badete es in Küssen. Sie war willenlos. Aber nach einer Weile flüsterte sie trotzdem:

„Tu es nicht, Gunnar — sei lieb.“

Er ließ sie zögernd fahren: