„Warum darf ich es nicht tun?“
„Weil du es bist. Wäre es ein anderer gewesen, der mir gleichgültig gewesen wäre — dann weiß ich nicht, ob ich hätte Widerstand leisten mögen.“
Gunnar nahm sie bei der Hand, während sie im Licht des Mondes auf und ab gingen.
„Ich verstehe dich. Als du deinen kleinen Buben bekommen hattest, sahest du in deinem Leben wieder einen Sinn — nach all dem Sinnlosen. Denn du liebtest ihn, und er brauchte dich. Als er dann starb, wurdest du gleichgültig gegen dich selber, denn du fandest, du seiest überflüssig.“
Jenny nickte:
„Ich kenne einige Menschen, die ich gern habe, um deretwillen es mich schmerzen würde, wüßte ich, daß sie traurig sind, und um deretwillen ich froh wäre, wenn es ihnen gut ginge. Aber ich vermag ihnen weder größere Trauer noch Freude zu bringen. So ist es immer gewesen. Und gerade das hat mich früher insgeheim so unglücklich und sehnsüchtig gemacht, daß ich umherlief und mein Dasein keines Menschen Glück bedeutete. Das aber wollte ich sein, Gunnar, eines anderen Menschen Glück. Ich habe nie an ein anderes Glück geglaubt. Du sprachst von der Arbeit, aber ich war nie davon überzeugt, daß sie uns erschöpft — es wäre mir auch so egoistisch vorgekommen. Die tiefste Freude, die man dabei empfindet, ist ja die eigene — und die kann man mit niemanden teilen. Aber es gibt keine Freude, die zugleich Glück bedeutet, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. Außer dem, was uns einzelne Augenblicke in unserer Jugend als Glück empfinden lassen. Das habe ich auch gefühlt, wenn ich meinte, ich hätte etwas erreicht in meinem Streben, besser zu werden. Aber es ist ja töricht, irgendwelche Reichtümer zu sammeln, wenn man sie nicht anwenden will. Bei einer Frau jedenfalls. Ich finde, das Leben einer Frau hat keinen Sinn, wenn sie nicht irgend jemandem zur Freude dient. Mir war es nie beschieden, ich habe nur einigen Menschen Leid gebracht, die kleine, armselige Freude, die ich gab, konnte wohl irgend eine andere auch geben, denn sie liebten mich ja nur, weil sie etwas anderes in mir sahen, als das, was ich wirklich war. — Nachdem Bübchen dann gestorben war, gelangte ich zu der Ansicht, es sei gut, daß niemand mir so nahestand, daß ich ihm ernstlich Leid zufügen konnte. Es gab niemanden, dem ich unersetzlich war. — Und nun sagst du mir dies. Dich hätte ich vielleicht am allerwenigsten in mein verwirrtes Leben hineingezogen. Eigentlich habe ich dich immer am liebsten gehabt von allen, die ich kannte. Mir tat es wohl, daß wir Freunde waren auf diese Art. Daß Liebe und all dergleichen Gefährliches und Unruhiges sich nicht zwischen uns drängen konnte! Ich hielt dich für zu gut dafür. Ach Herrgott, wie innig wünschte ich, es hätte sich nichts geändert.“
„Ich habe heute nicht mehr die Empfindung, als sei es jemals anders gewesen,“ sagte er leise. „Ich liebe dich. Und ich glaube, du brauchst mich. Ich bin so fest überzeugt, daß ich dich wieder zum Glücke zurückführen kann. Und wenn mir nur das gelingt, so hast du mich glücklich gemacht.“
Jenny schüttelte den Kopf:
„Wäre nur das Geringste zurückgeblieben von meinem Glauben an mich selbst! Betrachtete ich mich nicht als so unwiederbringlich abgetan — dann vielleicht. Aber Gunnar, wenn du davon sprichst, daß du mich liebst, so weiß ich, daß das, was du an mir liebst, tot und vernichtet ist. Dann aber ist es ja wieder die alte Sache, du bist verliebt in etwas, was du dir an mir nur einbildest, vielleicht etwas, was ich gewesen bin oder hätte sein können. Aber dennoch — eines Tages wirst du mich sehen, wie ich jetzt bin und dann wirst auch du nur unglücklich.“
„Wie es auch endet — niemals werde ich es als ein Unglück betrachten, daß ich dich liebe. Ich weiß viel besser als du selbst, in dem Zustande, in dem du jetzt bist, bedarf es nur eines Stoßes, und du stürzest — in etwas ganz Wahnwitziges hinaus. Aber ich fühle mich dir nah. Denn ich kann den ganzen Weg übersehen, der dich bis hierher gebracht hat, und wenn du stürztest, so würde ich dir folgen und versuchen, dich auf meinem Arm zurückzutragen und dich dennoch zu lieben.“