Jenny war am Nachmittag auf den Monte Celio gegangen, um zu zeichnen. Es war nichts daraus geworden — sie hatte nur auf der großen Freitreppe vor San Gregorio gesessen und gedankenverloren in den Hain geblickt, dessen große Bäume unter dem fahlen Himmel lenzhaft zu knospen begannen und in dem die Tausendschön hell unter dem grünen Grase leuchteten.

Sie ging jetzt durch die Allee, die unter dem Südhang des Palatins dahinläuft, wieder zurück. Ueber die Palmen des Klosters auf dem Gipfel ragte die Masse der Ruinen grau und verwittert gen Himmel. Den Abhang hinab zogen sich die ewiggrünen Büsche, jetzt fast schwarz mit Kalkstaub gepudert.

Vor dem Konstantinsbogen, auf dem Platz zwischen den Ruinen des Colosseum, des Palatin und des Forums schlichen einige verfrorene Ansichtskartenverkäufer umher. Nur wenig Touristen waren heute draußen. Einige spindeldürre Damen feilschten in unmöglichem Italienisch mit einem wandernden Mosaikkrämer.

Ein kleiner Bursche, vielleicht drei Jahre alt, klammerte sich an Jennys Mantel fest und hielt ihr einen Büschel Stiefmütterchen entgegen. Er hatte seltsam schwarze Augen, war langhaarig und in Nationaltracht herausgeputzt, mit spitzem Filzhut, Sammetjacke und Sandalen über den weißwollenen Socken. Als er um einen Soldo bat, hörte sie, daß er noch nicht richtig sprechen konnte.

Jenny reichte ihm die Münze, als plötzlich seine Mutter an ihre Seite fegte und das Geldstück dankend in Verwahrung nahm. Auch sie hatte den Versuch gemacht, ihrer Tracht einen leichten nationalen Anstrich zu geben, hatte ein rotes Sammetkorsett über ihre schmutzige, karierte Bluse geschnürt und ein Tuch im Viereck über das Haar gebreitet. Im Arme trug sie ein kleines Kind.

Es sei drei Wochen alt, erfuhr Jenny, als sie fragte. Das arme Wesen war krank.

Das Kind war nicht viel größer als Jennys Knabe nach der Geburt. Seine Haut war rot und wund und schälte sich, es atmete pfeifend, als seien die Luftröhren voller Schleim, und die Augen blickten glanzlos unter den entzündeten halbgeschlossenen Lidern hervor.

Ja, sie ginge jeden Tag mit ihm zur Poliklinik, sagte die Mutter. Aber sie meinten, es würde sterben. Es wäre auch für das arme Ding das Beste. Die Frau sah müde und mißmutig aus, obendrein war sie häßlich und zahnlos.

Jenny fühlte ein Weinen in der Kehle aufsteigen. Armes, kleines Wesen. Ja, für das Kind wäre es das Beste, wenn es stürbe. Armer kleiner Krüppel. Sie strich liebkosend über das häßliche Gesichtchen.

Sie hatte der Frau noch etwas Geld gegeben und wollte eben gehen. In diesem Augenblick ging ein Herr vorüber. Er grüßte, zögerte einen Augenblick, ging dann aber weiter, da Jenny den Gruß nicht erwiderte. Es war Helge Gram.