Einmal riß sie die Handschuhe von den Händen, denn ihr war glühend heiß geworden. Jetzt erst fiel ihr ein, daß sie einen nassen Fleck auf dem einen bemerkt hatte, nachdem sie das kranke Kind gestreichelt. Angewidert schleuderte sie die Handschuhe von sich.
Als sie zu Hause ankam, stand sie im Gange still. Sie klopfte an Gunnars Tür. Er war aber nicht daheim. Dann blickte sie auf das Dach hinaus, aber auch dort war niemand.
Sie ging in ihr Zimmer und zündete die Lampe an. Die Arme auf der Brust verschränkt, saß sie und starrte in die Flamme, erhob sich, wanderte ruhelos im Zimmer auf und ab und setzte sich schließlich nieder.
Angespannt horchte sie auf jeden Laut im Treppenflur. Ach, wenn doch Gunnar käme und nur der andere nicht! — Aber er wußte ja nicht, wo sie wohnte. Er konnte aber jemanden getroffen und gefragt haben. Ach Gunnar, Gunnar, komm!
Dann wollte sie gleich zu ihm gehen, sich in seine Arme werfen und ihn bitten, sie hinzunehmen.
Von dem Augenblick, als sie Helge Grams goldbraunen Augen begegnet war, hatte die ganze Vergangenheit, die unter dieser Augen Blick ihren Anfang genommen, sich gegen sie aufgelehnt. Alles überfiel sie aufs neue, der Ekel, der Zweifel an der eigenen Fähigkeit, zu fühlen, zu wollen und zu wählen, der Zweifel, ob sie das wirklich nicht wolle, was sie abzulehnen sich einbildete. — Und sie sah sich wieder, wie sie sich damals gesehen, verlogen, verträumt, schlaff, während sie vor sich selber tat, als fordere sie ein reines, starkes und ganzes Gefühl von sich, während sie sagte, sie wolle ehrlich, arbeitsam, mutig, opferwillig, diszipliniert sein. Dabei ließ sie Stimmungen und Triebe mit sich Fangball spielen, gegen die zu kämpfen sie sich nicht die Mühe machte, obgleich sie wußte, sie müßte es tun. Sie spiegelte Liebe vor, um sich einen Platz unter Menschen zu erschleichen, den sie nie gewonnen hätte, solange sie ehrlich gewesen —.
Sie hatte sich umwandeln wollen, um sich zu den Menschen rechnen zu können, unter denen sie, wie sie immer gewußt hatte, eine Fremde war, weil aus anderem Holz geschnitzt. Aber sie war nicht imstande gewesen, allein zu bleiben, eingesperrt in ihrer eigenem Natur. Sie hatte Gewalt an ihrer Natur verübt. Widerwärtig, unnatürlich war ihr Verhältnis zu den Menschen geworden, die ihr im tiefsten Innern wesensfremd waren. Der Sohn und der Vater —. Und was nachfolgte — ihr eigenes inneres Wesen war dadurch entstellt, jeder feste Halt, den sie in sich selbst besessen hatte, ließ sie im Stich, zerbröckelte zu einem Nichts. Sie löste sich innerlich auf.
Kam Helge, traf sie ihn, so würden, fühlte sie, die Verzweiflung und ihr Lebensüberdruß sie überwältigen. Sie wußte nicht, was dann geschehen würde, nur soviel, daß, mußte sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, ihre Kräfte sie verlassen würden —.
Ach, Gunnar! Ob sie ihn liebte oder nicht, daran hatte sie in diesen Wochen, als er um sie gebettelt hatte, wie sie war, nicht nachgedacht. Er hatte geschworen, ihr hinüberhelfen zu können, alles wieder in ihr aufzurichten.
Mitunter hatte sie nur den Wunsch, er nähme sie mit Gewalt. Dann brauchte sie sich nicht selbst zu entscheiden. Denn es war, wie er sagte; wählte sie, sein zu werden, so sagte ihr der letzte Rest von Stolz, daß sie die Verantwortung trüge. Dann mußte sie das werden, was sie gewesen, das, wofür er sie hielt, und das, was die Zukunft aus ihr machen sollte. Ob sie dazu imstande war oder nicht, sie mußte sich wieder hocharbeiten aus alledem, worin sie jetzt herumwühlte — unter einem neuen Leben mußte sie alles begraben, was geschehen war, seit sie Helge Gram den Kuß gegeben, mit dem sie ihren eigenen Glauben und ihr ganzes Leben bis zu dem Frühlingstage in der Campagna verraten hatte.