Ob sie sich Gunnar zu eigen geben wollte —? Liebte sie ihn denn, der ganz so war, wie sie hatte werden wollen? Dessen ganzes Wesen alles in ihr wachrief, was sie einstmals entwickeln und pflegen wollte — jedes Talent, das sie zu fördern für wert erachtet hatte —.

Die Liebe, die sie auf wirren Pfaden gesucht, dort, wohin ihr krankhaftes Sehnen und ihre heiße Ruhelosigkeit sie getrieben hatten — bestand sie denn nur in dem Selbstverständlichen, die Augen zu schließen und sich in die Gewalt des Mannes zu begeben, der allein ihr Vertrauen besaß, den alle Instinkte das Gewissen und den rechten Richter nannten —?

Aber sie hatte es doch nicht über sich bringen können — die ganzen Wochen hindurch hatte sie es nicht gekonnt. Sie wollte nur erst etwas weiter aus diesem Schlamm, in dem sie sich befand, heraus, durch eigene Kraft. Sie wollte erst fühlen, daß ihr eigener Wille aus fernen Tagen wieder die Herrschaft über ihr zerrissenes Gemüt ergriffen hatte. Wenn sie dann nur wieder einen Funken Achtung und Vertrauen zu sich selbst zurückgewinnen könnte.

Durfte sie weiterleben, so war Gunnar als Mensch alles, was das Leben für sie bedeutete. Ach, ein paar Worte, die er auf ein Stück Papier gekritzelt hatte, ein Buch, das als Bote zu ihr kam, von irgend einem Zug seines Wesens kündend — gerade das hatte ja das letzte aufflackernde Sehnen nach dem Leben in ihr geweckt, damals, als sie sich nach des Kindes Tode wie ein zuschanden geschlagenes Tier durchs Dasein schleppte —.

Kam er jetzt, so durfte er sie nehmen. Er mußte sie das erste Stück des Weges tragen. Später wollte sie versuchen, allein zu schreiten —.

Und ihre Seele, die sich zerfleischte, während sie dort wartend saß, gelangte zu diesem Ergebnis:

Kam er, so wollte sie leben. Kam der andere, mußte sie sterben.

Als sie dann Schritte auf der Treppe hörte und es nicht Gunnars Schritte waren, als es an ihre Türe pochte, senkte sie das Haupt und ging bebend, um Helge Gram zu öffnen. Ihr war es nur, als öffnete sie dem Schicksal, das sie selbst über sich heraufbeschworen hatte.

Sie folgte ihm mit den Blicken, während er ins Licht trat und den Hut auf einen Stuhl warf. Auch jetzt begrüßte sie ihn nicht.

„Ich wußte, du seiest in der Stadt,“ sagte er. „Ich kam vorgestern an. Aus Paris. Ich sah deine Adresse im Verein — hatte die Absicht, dich einmal zu besuchen. Dann traf ich dich heute nachmittag auf der Straße. Ich erkannte schon von weitem dein graues Pelzwerk.“ Er sprach schnell — fast atemlos. „Willst du mir nicht Guten Abend wünschen, Jenny — bist du böse, daß ich zu dir gekommen bin?“