Sie war überzeugt, daß er es wußte. Aber es machte keinen Eindruck auf ihr müdes Hirn. Sie fühlte keinen Schmerz mehr. Es war ihr, als müsse alles ihm ebenso selbstverständlich und unabwendbar vorkommen wie ihr.

Was sie vorhatte, war nicht ihr freier Entschluß. Es mußte geschehen wie das andere geschehen war, — wie eine unabänderliche Folge dessen, daß sie gestern Helge die Türe geöffnet hatte.

Jenny streckte einen Fuß unter der Decke hervor und betrachtete ihn wie einen fremden Gegenstand, der nicht ihr gehörte. Er war hübsch. Sie krümmte ihn, so daß der Spann sich straffte. Hübsch war er, weiß und blaugeädert, mit feinem Rot an der Ferse und den Zehen.

Sie war so müde. Diese Müdigkeit tat wohl. Als hätte sie Schmerzen gehabt, die jetzt vorüber waren. Während er bei ihr war, hatte nur ein Gefühl sie beherrscht, als würde sie in die Finsternis gestoßen und sänke und sänke. Es war Wollust, so zu vergehen, seines Willens beraubt, sich aus dem Leben treiben lassen, hinab auf den Grund, wo es still war. Sie wußte dunkel, daß sie seine Liebkosungen erwidert, sich an ihn geschmiegt hatte. Jetzt war sie müde, und was ihr zu tun noch übrig blieb, tat sie mechanisch.

Sie stand auf und kleidete sich an. Als sie Strümpfe, Leibchen und Unterrock angezogen hatte, steckte sie die Füße in ein Paar Goldkäferschuhe, die sie im Hause trug. Sie wusch sich und steckte das offene Haar vor dem Spiegel hoch, ohne zu wissen, daß sie ihr eigenes Antlitz erblickte.

Dann ging sie zu dem kleinen Tisch, auf dem ihre Malgeräte lagen. Sie kramte in dem Kasten mit ihrem Radierwerkzeug. An das spitze dreieckige Schabeisen hatte sie in der Nacht denken müssen. Früher hatte sie es manchmal halb spielerisch gegen ihre Pulsadern gehalten.

Jenny nahm es auf und prüfte es, befühlte es mit dem Finger. Dann legte sie es zurück und ergriff ein Taschenmesser. Sie hatte es einmal in Paris gekauft, es hatte Korkzieher, Büchsenöffner und viele Klingen. Die eine war kurz, spitz und breit — diese öffnete sie.

Dann ging sie zurück und setzte sich aufs Bett. Sie legte das Kopfkissen über den Rand des Nachttisches, — stützte die linke Hand darauf und schnitt die Pulsader durch.

Das Blut spritzte hoch auf, der Strahl schoß gegen ein kleines Aquarell, das sie an der Wand über dem Bett aufgehängt hatte. Als sie das sah, rückte sie die Hand zur Seite. Sie legte sich nieder — streifte unwillkürlich mit den Füßen die Schuhe ab und legte sie ganz aufs Bett. Als sie sah, wie das Blut spritzte, verbarg sie die verwundete Hand unter der Decke.

Sie hatte keinen Gedanken und keine Angst, fühlte nur, daß sie sich dem Unabwendbaren hingab. — Der Schmerz selbst, als sie sich schnitt, war nicht stark — scharf und klar, gleichsam auf die eine Stelle konzentriert.