Aber nach einer Weile durchrieselte sie ein unbekanntes, sonderbares Gefühl — eine Angst, die wuchs und wuchs. Nicht die Furcht vor etwas — das Gefühl selbst bestand nur in einer fürchterlichen Angst in der Herzgegend — als würde sie erwürgt. Sie öffnete die Augen — aber schwarze Fetzen nisten an ihren Blicken vorüber. Sie konnte nicht atmen — das Zimmer überfiel sie von allen Seiten —. Sie taumelte aus dem Bett, wankte zur Tür, blindlings die Treppe zum Dach hinauf, bis sie auf der obersten Stufe zusammenbrach — —

Helge war Gunnar Heggen begegnet, als er gerade aus dem Tore trat. Sie hatten sich beide angeblickt, während sie zum Hute griffen. Dann waren sie aneinander vorbeigegangen — ohne ein Wort.

Aber diese Begegnung hatte Helge nüchtern gemacht. Nach dem Rausch der Nacht schlug seine Stimme plötzlich um. Was er erlebt hatte, erschien ihm plötzlich unglaubhaft, unbegreiflich und unheimlich.

Dieses Zusammentreffen mit ihr, wovon er die ganzen Jahre hindurch geträumt hatte. Sie, von der er geträumt, sie hatte fast nicht gesprochen, nur stumm und kalt dagesessen und sich dann plötzlich in seine Arme geworfen. Wild und wahnsinnig, doch ohne einen Laut. Jetzt plötzlich erinnerte er sich — sie hatte nichts gesagt, nichts erwidert auf alle seine Liebesworte heute Nacht.

Eine fremde, unheimliche Frau war das — seine Jenny? Er wußte mit einem Male, sie war nie sein gewesen.

Helge schritt immer weiter durch die morgenstillen Straßen. Den Corso auf und nieder.

Er versuchte, sie sich vorzustellen. Die Erinnerungen von den Träumen loszulösen. Sie aus jener Zeit sich vor Augen zu führen, als sie verlobt waren. Aber er konnte sie nicht festhalten — er wußte mit einem Male, daß er es nie gekonnt. Immer war etwas dahinter gewesen, das er nicht hatte sehen können, er hatte nur gefühlt, es war da.

Nichts wußte er von ihr. Heggen konnte jetzt bei ihr sein — er wußte es nicht. Ein anderer war dagewesen, hatte sie selbst gesagt — welcher andere — welche anderen — welches andere, das er nicht kannte und doch immer gefühlt hatte?

Nach diesem Ereignis aber konnte er sie auch nicht aufgeben, er wußte es. Jetzt weniger als je zuvor. Und dabei kannte er sie nicht. Wer war sie, die ihn in ihrer Gewalt hatte —? Wem hatte er angehört mit jedem einzigen Gedanken, drei Jahre lang —?

Furcht war es, Raserei, die ihn trieb, während er zu ihrer Tür zurückjagte. Sie stand offen. Er lief die Treppen hinauf, sie sollte ihm Rede stehen — sie kam nicht frei, bis sie ihm alles gesagt —.