Helge war neben ihm geblieben, den Mund wie in einem erstarrten Schrei halb geöffnet. Aber in Gunnars Tür hielt er inne. Als er allein mit ihr war, schlich er herbei und berührte mit den Fingerspitzen ihre Hand. Dann brach er auf dem Fußboden zusammen, den Kopf an die Bettkante gelehnt und weinte jämmerlich, sich zusammenkrampfend vor Grauen.
XII.
Gunnar schritt über den schmalen, grasbewachsenen Weg zwischen hohen, weißgekalkten Gartenmauern dahin. Auf der einen Seite lag die Kaserne, eine Terrasse mußte dort drinnen sein — hoch über seinem Kopf standen einige Soldaten, lachend und leise plaudernd. An der Ecke wippte ein Büschel gelber Blumen, die in einem Mauerspalt wucherten. Doch auf der anderen Seite des Weges ragten die gewaltigen alten Pinien an der Cestiuspyramide und der dichte Zypressenwald auf dem neuen Teil des Kirchhofs zum blauen, silberbewölkten Himmel empor.
Vor dem Gittertor saß ein halberwachsenes Mädchen im Gras und häkelte. Sie öffnete ihm und knickste dankend, als er ihr eine Münze reichte.
Die Luft war lenzhaft feucht, klar und weich. Hier drinnen auf dem Friedhof in dem dichten, grünen Schatten wurde sie treibhausartig warm und naß. Die Narzissen in den Rabatten am Wege dufteten heiß und schwül.
Die alten Zypressen umstanden dicht wie ein Hain die Gräber, die sich, dunkelfarbig von dem kriechenden Laube des Immergrüns und der Veilchen in Terrassen bis zur epheubewachsenen alten Stadtmauer hinzogen. Die Gedenktafeln der Toten leuchteten — kleine Marmortempel, weiße Engelstatuen und schwere große Sarkophage. Moos breitete sich darüber aus und schimmerte an den Stämmen der Zypressen. Hier und da war eine weiße und rote Blüte in den dunkelleuchtenden Kronen der Kamelienbäume zurückgeblieben, doch der größte Teil lag braun und welk auf dem schwarzen, feuchten Humus, dessen herber, klammer Duft zu ihm aufstieg. Ihm fiel etwas ein, was er einmal gelesen hatte — die Japaner liebten die Kamelien nicht, denn ihre Blüten fielen voll und frisch ab wie abgehauene Köpfe. —
Jenny Winge war am weitesten drüben auf dem Friedhof begraben worden, in der Nähe der Kapelle. Am äußersten Rande eines lichtgrünen, von Tausendschön übersäten Grashügels, wo erst wenige Gräber lagen. Am Rasenplatz entlang waren Zypressen gepflanzt worden. Sie waren aber noch winzig klein, glichen Spielzeug mit den spitzen, schwarzgrünen Kronen über den ranken, gezwirbelten braunen Stämmen, die an Säulen im Kreuzgang eines Klosters gemahnten.
Ihr Grab lag ein wenig für sich auf dem Anger. Das Gras war ringsherum abgestochen worden, so daß der Hügel von einem Erdstreifen umgeben war. Er war hellgrau, die Sonne schien darauf und die Zypressen erhoben sich dahinter wie eine Mauer.
Gunnar preßte die Hände gegen sein Gesicht und ließ sich auf die Knie nieder, bis sein Kopf ganz auf den welken Blumenkränzen lag.
Er fühlte die Müdigkeit des Lenzes in allen Gliedern, und das Blut rann krank vor Trauer und Leid bei jedem schweren Schlage seines Herzens. Jenny — Jenny — Jenny — ihren lichten Namen hörte er in jedem Vogelpfiff des Frühlings — und sie war tot —.