„Ja, aber ich werde verrückt, hörst du, Heggen — ich werde wahnsinnig, wenn du mir nicht erklären kannst —.“
„Du hast kein Recht, Jennys Geheimnisse zu wissen.“
„Aber weshalb tat sie es denn? Meinetwegen — seinetwegen — deinetwegen?“
„Nein. Sie tat es allein ihretwegen.“
Dann hatte er Gram gebeten, zu gehen. Jetzt war er fortgereist. Sie hatten sich seitdem nicht wieder gesehen.
Es war oben im Borghesegarten gewesen, als Gram zu ihm kam. Einige Tage nach der Beerdigung. Er hatte dort im Sonnenschein gesessen. Er war so müde. Er hatte alles ordnen und die nötigen Erklärungen nach allen Richtungen abgeben müssen — anläßlich der Untersuchung des Selbstmordes, des Begräbnisses — an Frau Berner hatte er geschrieben, daß ihre Tochter plötzlich an Herzschlag verstorben sei. Aber etwas in all dem hatte ihm gut getan. Die Tatsache, daß niemand von seinem Leide wußte. Daß die große Erklärung, die er kannte, die einzig wahre war — und die behielt er für sich. Das hatte seinen Schmerz so unendlich tief in ihn versenkt. Jetzt würde er nie zu einem Menschen davon sprechen. Er war sein eigen, ganz allein. Er würde den innersten Kern seiner Seele für alle Zeiten bilden.
Er würde sein Wesen färben und von seinem Wesen seine Farbe erhalten. Er würde seinem Leben Richtung geben — und von ihm gelenkt werden — würde Farbe und Form mit ihm wechseln, aber nie aus seinem Leben getilgt werden können. Zu jeder Stunde des Tages in dieser ganzen Zeit war er verschiedenartig — aber immer war er da, und so würde es immer sein.
Gunnar entsann sich des Morgens, als er zum Arzt lief, während der andere mit ihr allein geblieben war — damals hatte er Helge Gram sagen wollen, was er wußte, und es ihm sagen wollen, daß des anderen Herz zu Asche zerfiel — wie sein eigenes.
Aber während der Tage, die dazwischen lagen, war alles, was er wußte, zu einem Geheimnis zwischen der toten Frau und ihm geworden, zum Geheimnis ihrer Liebe. Alles, was geschehen war, war geschehen, weil sie war, wie sie war, und so, wie sie war, hatte er sie geliebt. Helge Gram aber war ein gleichgültiger und zufälliger Fremder für ihn und für sie, und er empfand nicht das Bedürfnis, sich an ihm zu rächen, ebensowenig wie er Mitleid mit Helges Trauer hatte und mit seinem Entsetzen über das Unfaßliche, was geschehen war.
Diesen Menschen hatte ja nur der Zufall gesandt. Weil sie war, wie sie war, geschah das alles. Ihr Sinn mußte sich eines Tages verwirrt einem Windstoß beugen und fügen, weil er so rank und schlank emporgewachsen war. Er selbst hatte geglaubt, sie könnte wachsen wie ein Baum, und hatte nicht verstanden, daß sie nur wie eine Blume emporkeimte, um Sonne zu bekommen und Blüten zu treiben mit all ihren schweren, sehnsuchtsvollen Knospen. Auch sie war nur ein kleines Mädchen gewesen. Und das würde als ewiger Schmerz in seinem Herzen zurückbleiben, daß er das erst begriffen, nachdem es zu spät war.