Sie konnte sich nicht wieder aufrichten, nachdem sie einmal geknickt war. Sie war wie eine Lilie, die auch nicht aus der Wurzel aufs neue treiben konnte, wenn der erste Stengel gebrochen wurde. In ihrem Wesen lag nichts Geschmeidiges und Ueppiges. Aber er liebte sie, wie sie war.
Und ihre Eigenart gerade verstand nur er allein. Er allein wußte, wie blond und rein sie gewesen, wie aufstrebend, stark und rank, und doch wie zerbrechlich und spröde mit ihrer empfindsamen Ehre, von der ein Fleck niemals abgewaschen werden konnte, weil er seine Furchen zu tief eingrub.
Jetzt war sie tot. Und er war mit seiner Liebe viele Tage und Nächte allein gewesen. Seines ganzen Lebens Tage und Nächte mußte er nun mit ihr allein bleiben.
Es hatte Nächte gegeben, in denen er verzweifelte Schreie in den Kissen seines Bettes erstickte. Sie war tot, und er hatte sie nie besessen. Ihn aber hatte sie lieben, ihm hatte sie angehören sollen, und sie war die einzige, die er geliebt. Sie war tot, und ihren herrlichen, schlanken weißen Körper, der ihre Seele umschloß wie eine sammetene Scheide eine schmale und feine, spröde Klinge, hatte er nie berührt, nie gesehen. Andere hatten ihn besessen und nie gewußt, welch wunderbarer und seltener Schatz es war, der sich in ihre Hände verirrt hatte. Jetzt lag er vergraben in der Erde, häßlich, häßlich würde er verändert werden, verzehrt und aufgelöst, bis er zu einem Häuflein Erde inmitten der Erde zerfiele.
Gunnar lag, erschüttert von Schluchzen, auf dem Erdboden.
Andere hatten sie besessen. Sie aber hatten sie besudelt und vernichtet, und hatten nicht gewußt, was sie taten. Er hatte sie nie gehabt.
Solange er lebte, würden Stunden kommen, wo er jammerte wie jetzt, daß es so war.
Und doch hatte nur er allein sie besessen. Nur in seiner Hand konnte ihr goldenes Haar jetzt funkeln. Sie selbst, sie lebte jetzt in ihm, ihre Seele und ihr Bild spiegelten sich in ihm, so klar und scharf wie in einem stillen Wasser. Sie war tot, ihr Leid gehörte ihr nicht mehr — es war jetzt in ihm — dort lebte es weiter und würde nicht sterben, bis er selbst einst starb. Weil es lebte, würde es aber wachsen und sich verändern — er konnte nicht wissen, wie sein Leid in zehn Jahren aussehen würde, aber es konnte zu etwas Großem und Herrlichem wachsen.
Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er eine merkwürdig schwere und tiefe Freude empfinden würde, daß es so war.
Doch jene Morgenstunden, als er auf der Terrasse über ihrem Haupte auf und ab ging, während sie ihrem Leben ein Ende machte. Er entsann sich dunkel, welche Gefühle ihn beherrscht hatten. Ein Aufruhr hatte in ihm getobt, sein Herz war in Harm und Zorn über ihre Tat, gegen sie erbittert. Er hatte gebettelt und gefleht, um ihr helfen zu dürfen, um sie aus dem Sumpf zu retten, in den sie sich verirrt — und sie hatte ihn von sich gewiesen und sich vor seinen Augen weggeworfen, auf Frauenart, eigensinnig, verantwortungslos, töricht, trotzig.