Aber als er sie dann liegen sah — er hatte auch darüber gerast, verzweifelt. Er würde sie dennoch nicht aufgegeben haben. Was sie auch getan hätte — er hätte sie freigesprochen, ihr geholfen, ihr sein Vertrauen, seine Liebe geschenkt, trotz allem.
Solange er lebte, würden Stunden kommen, in denen er ihr vorwerfen würde, daß sie den Tod gewählt hatte — Jenny, du hättest es nicht tun sollen. Aber es würden auch Stunden kommen, da er finden würde, sie hatte es tun müssen, so wie sie war. Auch darum liebte er sie — ewig, solange er lebte.
Nur eines würde nie eintreten — der Wunsch, daß er sie nie geliebt hätte.
Wie er geweint hatte, verzweifelt, würde er wieder weinen müssen. Darüber, daß er sie nicht eher geliebt. Ueber die Jahre, die er neben ihr dahingelebt hatte, als sie sein Freund und Kamerad war, und er nicht sah, daß sie das Weib war, das seines Lebens Gefährtin sein sollte.
Aber nie würde der Tag kommen, an dem er wünschte, er sei niemals sehend geworden, wenn auch nur, um zu entdecken, daß es zu spät war.
Gunnar richtete sich auf den Knien auf. Er holte eine kleine flache Pappschachtel aus der Tasche hervor und öffnete sie. Darin lag eine kleine Perle von Jennys rosa Kristallhalskette. Als er ihre Sachen ordnete, fand er die Kette im Nachttisch; die Schnur war zerrissen. Eine Perle hatte er an sich genommen und verwahrte sie.
Er nahm etwas Sand vom Grabe und legte ihn in die Schachtel. Die Perle rollte hin und her und wurde über und über mit grauem Staub bedeckt, aber das klare Rosa leuchtete hindurch, und die feinen Funken im Kristall schimmerten und brachen sich im Sonnenlicht.
All ihr Eigentum hatte er sorgfältig verpackt und an ihre Angehörigen geschickt, sorgsam alle Briefe gesammelt und sie verbrannt. In einem versiegelten Pappkasten lag ihr Kinderzeug. Das hatte er Franziska geschickt, da Jenny eines Tages davon gesprochen hatte, daß sie es tun wollte.
Ihre Mappen und Skizzenblätter hatte er durchgeblättert und sie darauf zusammengepackt. Aber erst hatte er vorsichtig einige Blätter mit Zeichnungen von ihrem Buben herausgeschnitten und sie in seinem Taschenbuch verwahrt.
Sie waren sein. Alles, was in ihrem Leben ihr allein gehört hatte, das war jetzt sein.